Bildquelle: africavenir.org

Entsetzt beobachteten wir, wie vor einigen Wochen dem revisionistischen Humboldtforum im Berliner Stadtschloss das goldene Kreuz mit der unsäglichen Inschrift (“…dass im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind”) aufgesetzt wurde. Mit wachsender Fassungslosigkeit nehmen wir seither zur Kenntnis, wie von kirchlicher Seite keinerlei Einspruch wahrnehmbar ist. Im Gegenteil: weiß-deutsche Kirchenvertreter*innen und Professor*innen (wie Christoph Markschies) deuten diesen Inbegriff christlicher Herrschaft als ein ermutigendes Symbol für Erniedrigte und Ausgegrenzte. Mit welchem Recht?

An weißer Theologie klebt Blut. Weiße Kirchen tragen Mitschuld an den Menschheitsverbrechen des Kolonialismus, der bis heute in Form einer rassistischen Weltordnung fortwirkt. Kolonialverbrecher*innen und Sklavenhändler*innen segelten, quälten und mordeten unter dem Segen der weißen Kirchen. Finanziert wurde das ganze koloniale Projekt von Anfang an durch Enteignung von Jüd*innen. Die Frohe Botschaft wurde als Waffe gegen kolonisierte und versklavte Menschen eingesetzt, pervertiert zu einem Werkzeug ihrer Unterdrückung und Ausbeutung statt der Befreiung. Weiße Vorherrschaft und christliche Vorherrschaft gingen und gehen weltweit Hand in Hand. Das triumphale Kreuz über Museumshallen und Archiven, gefüllt mit kolonialer Raubkunst aus aller Welt, ist dabei lediglich die (vergoldete) Spitze des Eisberges.

Was für eine Beleidigung für die heiligen Namen der Ewigen, die das Volk Israel aus der Sklaverei führte! Was für eine Verachtung gegenüber Jesus, der an einem ganz und gar nicht goldenen Kreuz gelyncht wurde!

Die Idee einer bedingungslosen Vergebung, die ohne wirkliche Umkehr und ohne die sichtbare Bemühung um Reparationen und Heilung möglich sein soll, ist Täter-Theologie. Es ist überfällig, dass wir weiß dominierten Kirchen uns an eine Aufarbeitung der eigenen kolonialen Verstrickungen und der zerstörerischen Wirkung machen, die bis heute toxischen Einfluss auf Körper, Theologien, Spiritualität, Macht- und Herrschaftsstrukturen haben.

Es ist überfällig, dass wir ernst machen mit Konsequenzen, die das für uns weiße, westeuropäische Christ*innen haben muss. Die Deutungshoheit darüber, was ermutigt und befreit, liegt niemals bei den Privilegierten. Das Sagen über postkoloniale Besitzverhältnisse sollen die Nachkommen derer haben, die die Kunstschätze schufen und mit ihnen lebten. Von ihnen kommt vielfach die Forderung nach Provenienzforschung und Restitution.

Wir erwarten, dass unsere Kirchen durch die Öffnung der Archive der „Missionsmuseen“ und die Rückgabe des Raubguts, in dieser laufenden gesellschaftlichen Debatte Position beziehen und vorbildhaft vorangehen. Wir erwarten rassismuskritische, theologische Bildung für Gemeinden. Es braucht Ressourcen um Gemeinden und Kirchenstrukturen auf den Weg restorativer Gerechtigkeit zu begleiten. Die Überfinanzierung weißer Theologie und Spiritualität muss ein Ende haben.

Das Kreuz vom Humboldtforum wieder herunter zu holen, kann also nur der erste Schritt sein. Synoden, Amt- und Würdenträger*innen in den Kirchen – euer weißes Schweigen ist so giftig laut, dass wir es kaum aushalten!