Ich blicke zurück auf den 33. evangelischen Kirchentag in Dresden und bin verwundert. Themen wie ziviler Ungehorsam, befreiende Theologien, engagierte Reden für Transformationsprozesse von unten, scharfe Kapitalismus- und Herrschaftskritik kommen mir in den Sinn. Was ist geschehen?

Glauben wir den Zusammenfassungen des ZDFs dann ist der Kirchentag tatsächlich politisch gewesen! Ein Ort, an dem Christ_innen gemeinsam nach Handlungsalternativen suchen konnten. Und ja, Aspekte wie der Atomausstieg, Afghanistaneinsatz, Stuttgart 21 wurden diskutiert und kamen zur Sprache. Das ist gut! Außerdem gab es wieder mehr Resolutionen, als bei den letzten Kirchentagen. Genannt sei die Resolution „Für einen Raum für gleichgeschlechtliche Lebensformen in der Kirche“ , die Resolution „Gegen die Abschiebungen von Roma in die Republik Kosovo“ und die Resolution „Wirtschaft braucht Alternativen zum Wachstum“. Vielleicht waren politische Themen beim diesjährigen Kirchentag mehr vertreten als in den letzten Jahren, vielleicht hat er sogar zur Politisierung von einzelnen Jugendlichen oder Gemeindemitgliedern geführt. Das ist prima. Beim genauen Hinsehen fällt jedoch auf, dass es zwar ein vielfältiges Programm gibt, welches aber auch beliebig wirkt, da ein übergeordnetes Thema fehlt und keine klare Positionierung des Kirchentags zu finden ist. Hitzige Diskussionen wurden ausgespart und Brennpunktthemen nicht debattiert. Es scheint, dass nur die Aspekte zur Sprache kamen, die zur Zeit in aller Munde sind. Was ist aber mit der Grenzschutzagentur Frontex, die für eine rassistische Abschottungspolitik der EU steht? Wo wird über den Sozial- und Demokratieabbau in Deutschland gestritten? Was ist mit einer Kapitalismuskritik und dem leider immer noch hartnäckigen Glauben an eine soziale und ökologisch gerechte Marktwirtschaft? Sind „Arme“ wirklich der Mittelpunkt des Kirchentags? Politische Themen wurden so angesprochen, dass jede_r klatschend zustimmen kann. Sich nur nicht unbeliebt machen! Oder was sollen die gutgläubigen Bündnisse und Gesprächsrunden mit neoliberalen Repräsentanten wie Angela Merkel, Norbert Röttgen oder Thomas de Maizière? In den 80er Jahren wurde der damalige Verteidigungsminister Hans Apel noch mit Eiern beworfen – dem heutigen Verteidigungsminister Thomas de Maizière, der für eine militärische Beteiligung der Bundeswehr in kriegerischen Auseinandersetzung steht, wird mit wohlwollendem Verständnis begegnet.

Die zuerst genannten Stichwörter aus meiner Erinnerung stammen allesamt aus Veranstaltungen, die parallel zum Kirchentag verliefen und nicht ins Programm aufgenommen wurden. Eine Mitarbeit von unten ist von den Veranstalter_innen nicht gewünscht; so erlebte es z.B. Publik Forum bei den Programmanfragen im Voraus. Um dieses Sonderprogramm zu stützen, möchte ich drei Veranstaltungen herausheben, die ich besucht habe:

Es gab zwei Veranstaltungen über Christ_innen im Widerstand gegen Rechtsextremismus. Einmal organisiert von Kirche und Rechtsextremismus und einmal vom Institut für Theologie und Politik und dem befreiungstheologischen Netzwerk. Bei der ersteren Veranstaltung war der Jenaer Bürgermeister Schröter anwesend. Er beeindruckte durch seine klare Befürwortung und Mobilisierung zu den Anti-Nazi-Blockaden und darüber hinaus durch seine Anerkennung, dass unterschiedliche Aktionsformen notwendig sind, um zur Zeit Anti-Nazi-Blockaden erfolgreich werden zu lassen. In beiden Veranstaltungen wurde von Blockierer_innen deutlich, dass genau hier ein Spannungsfeld beginnt. Inwieweit sollte mensch sich von sogenannten “Chaoten” abgrenzen, die zum Beispiel Mülltonnen anzündeten, um auch Menschen aus der Mitte der Gesellschaft für weitere Blockaden zu gewinnen oder inwieweit zersplittert gerade solch eine Abgrenzung die Bewegung, schafft Feindbilder, die für Repression und Medien ein gefundenes Fressen sind und verkennt eben, dass manche Blockaden erst durch genau solche „Ablenkungsmanövern“ möglich gewesen waren. Die Frage der Gewalt muss sehen, dass Gewaltlosigkeit nicht mit Unschuld verwechselt werden darf. Ein Vertreter der Interventionistischen Linken betonte, dass nicht angezündete Autos, sondern die strukturelle Gewalt unser Problem ist sowie den eigentlichen Unmut und Wut provozieren sollte.

Eine weitere Veranstaltung, die vom Institut für Theologie und Politik und dem befreiungstheologischen Netzwerk organisiert wurde, handelte von Aufbrüchen und Ausbrüchen im globalen Kapitalismus. Es diskutierten zwei Vertreter_innen des Centro Memorial Martin-Luther-King aus Cuba und Sabine Kebir, freie Publizistin aus Berlin, die zeitweise in Ägypten gelebt hat. In wie weit stellen die Umbrüche in Abya Yala (Lateinamerika) und Nordafrika einen Bruch mit neoliberalen Abhängigkeiten dar? Sabine Kebir sah die Revolution in Nordafrika in der Verschlechterung der Verhältnisse begründet, was sich besonders in zunehmender Arbeitslosigkeit von jungen Menschen und Wohnungsnot zeigte. Die Situation explodierte dann in Folge der Weltwirtschaftskrise mit einer Verteuerung von Grundnahrungsmittel. Die Lebensmittelkrise betraf nun auch die Mittelklasse, was das Fass zum überlaufen brachte. Sie plädierte dafür den Arabischen Frühling zu unterstützen, auch wenn es nicht die transformatorische Umwälzung ist, sondern eher eine reformatorische. Ihrer Einschätzung nach, werden die Umbrüche etwas mehr Demokratie, wie z.B. faire Wahlen, mehr Pressefreiheit und ein besseres Schulsystem bringen. Dabei müsse sich Nordafrika von der neoliberalen Verschlingung, die vorallem von der EU aus geht, trennen. In Bezug auf die Befreiung aus neoliberaler Verschlingung war es den Vertreter_innen aus Cuba wichtig, positive Veränderungen zu benennen: In den letzten 20 Jahren gab es in Lateinamerika eine Verabschiedung vom Kapitalismus und einen Niedergang des Neoliberalismus sowohl auf politischer Ebene (Venezuela, Bolivien) als auch auf Ebene der sozialen Bewegungen. Dabei sei es zentral mit der Hegemonie der USA zu brechen und so zum Beispiel die Handelsfreiräume der USA einzuschränken. Innerhalb dieser neuen Bewegung muss gefragt werden, was Demokratie bedeutet. In den verschiedenen Kontexte müssen so Formen von Alternativen verwirklicht werden. Es ist dabei egal, ob wir es Sozialismus, Anarchismus oder gutes Leben nennen – es kommt auf die Selbstorganisierungs- und Partizipationsprozesse von unten an.

Es gab natürlich auch gute Veranstaltungen und Momente auf dem Kirchentag. Da war ein Gottesdienst mit differently-abled people, die beeindruckende Nacht der Lichter auf der Elbe, interessante Gespräche bei den Ständen im Markt der Möglichkeiten, tiefe meditative Momente und gute Veranstaltungen in der Feministischtheologischen Basisfakultät… Aber um was geht es an einem Kirchentag? Es ist gut sich zu treffen, zu meditieren, zu beten, miteinander zu singen. Aber das reicht nicht! Die Sonderveranstaltungen zum Kirchentag ermutigten zum Widerstand und aktiven zivilen Ungehorsam. Christ_innen müssen aufpassen nicht falschen Sicherheiten, vorschnellem Zurückschrecken vor „Illegalität“ und blindem Vertrauen in die Herrschenden zu verfallen, sondern die Umbrüche hin zu einer gerechten Welt G*ttes mutig und wütend selbst in die Hand nehmen. Wenn Reizthemen auf dem Kirchentag angesprochen, der Kuschelkurs mit Staat und herrschender Regierung gebrochen und neoliberale Repräsentant_innen nicht eingeladen worden wären, dann hätte es vielleicht erstmal gekracht. Aber herausgekommen wäre mehr, als einfach ein paar schöne Tage… und es wäre zu wichtigen, drängenden Auseinandersetzungen gekommen. Denn es gibt keine Versöhnung ohne Gerechtigkeit! Christus und Kirche wird dort sichtbar, wo Menschen mutig aufstehen, nein sagen zu Ungerechtigkeiten, prophetisch ihre Stimme und Hände erheben und einschreiten für eine gerechte Welt G*ttes.

Selina Moll