Kochurani Abraham im Gespräch bei ihrem Workshop in Tübingen

Decolonizing our Bodies and Souls
Buildung a feminist theology from the grassroots

Unter diesem Titel hatte das Befreiungstheologische Netzwerk in Tübingen zu einem Workshop am Samstag, den 10. Dezember eingeladen. Unter der Leitung von Dr. Kochurani Abraham tauschten sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen über Erfahrungen aus und lernten Leitlinien einer feministischen Theologie „von unten“ kennen, bevor in einer abschließenden Runde über gemeinsame Wünsche, Träume und Visionen gesprochen wurde.
An dem Workshop im Gemeindehaus in der Bachgasse nahmen 10-12 Teilnehmer*innen teil: Frauen aus der kirchlichen Frauenarbeit, Studierende der Universität und sonstige Interessierte.

Lebensgeschichte und Theologie

Anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte vermittelte Frau Abraham einen Einblick in die Vielfalt südindischer Spiritualität und sozialer Ausdifferenzierungen des Christentums. Sie erläuterte vor ihrem eigenen privilegierten familiären Hintergrund, welcher Erlebnisse und Erfahrungen es bedurfte, um sich der eigenen privilegierten, sozialen Stellung bewusst zu werden und gewisse Vorurteile und Standesdünkel abzubauen. Zugleich vermittelte Frau Abraham ein facettenreiches Bild von Brüchen und Auseinandersetzungen innerhalb ihres Ordens, in den sie eingetreten war, sowie innerhalb ihrer community der syro-malabrischen Thomaschristen. Durch die Mitarbeit in Frauengruppen in den Slums von Mumbai, durch Erlebnisse der geschlechterbezogenen Diskriminierung wurde Kochurani Abraham zu einer Verfechterin eines indischen Feminismus und einer streitbaren Vertreterin für Differenz und Toleranz innerhalb der theologischen Debatte, die sich immer wieder auch mit dem Problem des religiösen Fundamentalismus in all seinen Prägungen auseinander gesetzt hat.

Situation der Frauen in Indien

Die Situation von Frauen illustrierte Kochurani Abraham an mehreren Statistiken und anhand eigener empirischer Studien zu Fragen ökonomischer Selbstständigkeit und Handlungsmöglichkeiten von Frauen in Bezug auf ihre Sexualität und ihre Mitenscheidungsmöglichkeiten. Interessanterweise zeigte sie auf, dass der Anteil an Frauen, die einem hohen Maß an geschlechtsbezogener Unterdrückung ausgesetzt sind, in den höheren Kasten und Gesellschaftsschichten nicht abnimmt.
Des Weiteren ging sie auf die Rolle von Mädchen als materielle Belastung das erschreckende Ungleichgewicht in der Geburtenentwicklung hin. Indien ist das Land, in dem der Anteil von Mädchen an den Neugeborenen am geringsten ist, in einigen Bundesstaaten in einem erschreckenden Ausmaß. Dies führt dazu, dass Wissenschaftler wie etwa Amartya Sen von der „fehlenden Generation“ sprechen.

Dekonstruktion

Eine wichtige Aufgabe, die der Theologie als kritische Wissenschaft angesichts solcher Zahlen und Erfahrungen zukommt, ist die auch die eigene Tradition und Wirkungsweise kritisch zu hinterfragen. Die Mithilfe religiöser Traditionen durch die Bereitstellung religiöser Rollenmodelle die das Bild der passiven, duldsamen und hingebungsvollen Frau erzeugen und bestärken machte Dr. Abraham an mehreren Beispielen deutlich. Im Christentum an der Person der Maria und im Hinduismus an Sita, der hingebungsvollen Gattin Ramas. Über die Frage, wie sich diese Rollenmodelle auswirken und ob es Alternativen gibt, entwickelte sich eine Diskussion unter den Teilnehmenden. Dabei wurden auch Kernfragen der Handlungsmöglichkeiten und der Fürsprache und Vertretung diskutiert. Hier zeigte sich auch ein Konflikt zwischen einer Dalittheologie, die bei den Erfahrungen von Unterdrückungen aufgrund von Kaste ansetzt, und einem feministischen Anliegen. Die Produktivität und theologische Aussagekraft solcher Konflikte wurde jedoch auch deutlich, als anhand dieser indischen Auseinandersetzungen auch ethische Fragen innerhalb der europäischen Theologie beleuchtet wurden.

Rekonstruktion

Die Rekonstruktion setzte einen Schwerpunkt auf die Metapher der „Hebammenkunst“. Ausgehend von einem alternativen weiblichen Rollenbild, das sich in den Figuren von Shifra und Puach, Ex. 1,15-22, zeigt, wurde die Frage aufgeworfen, zu welchem neuen Anfang, welcher neuen Welt wir Geburtshelferin/nen sein können. Neben die biblischen Figuren traten im Lauf der Diskussion sowohl indische Vorbilder wie etwa Vandana Shiva, Medha Patkar, als auch Anknüpfungsversuche an die konkrete Situation im deutschen Kontext. Bei der Frage nach Visionen und Träumen , die die Pluralität christlicher Positionen wie in einem Kaleidoskop enthüllte, wurde die Notwendigkeit einer intensiveren Diskussion auch in Zukunft ersichtlich

Brückenbauer und Brückenbauerinnen

Die Stippvisite, die Elisabeth Moltmann-Wendel und Jürgen Moltmann dem Workshop abstatteten, offenbarte das große Potenzial und die Bedeutung, die Brückenbauerinnen und -bauer in einem interkulturellen Gespräch einnehmen können. So dankte Kochurani Abraham besonders Jürgen Moltmann für seine „Theologie der Hoffnung“, die in einem indischen Kontext mit großem Interesse und Gewinn gelesen werde. Die Hoffnung der Veranstalterinnen und Veranstalter ist es, dass der Workshop einen bescheidenen Beitrag leisten konnte, von der anderen Seite der Brücke Schritte in diesem Dialog zu gehen; dass die Anfragen und kritischen Rekonstruktionen einer indischen feministischen Theologie auch für die theologische Arbeit der Studierenden und die praktische Arbeit der anwesenden Frauen und Engagierten einen Mehrwert erbrachten.