Ich = Ich + Du

Am 9. Dezember 2011 beehrte die hispanische Befreiungstheologin und Feministin Ada María Isasi-Díaz Heidelberg mit einem Besuch. Auf Einladung von Bernhard Offenberger, der sie beim Welt-Ökumenischen Forum in Dakar kennengelernt hatte, und durch meine Vermittlung unterstützt durch die Gleichstellungskommission der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg, hielt sie einen Vortrag über „Solidarity – The Social Contract of the 21st Century“. Der folgende Text ist der Versuch einer Rekonstruktion seines Inhalts. Er kann und soll als Diskussionsgrundlage genutzt werden; Ergänzungen und Korrekturen sind willkommen.
Gut gelaunt trotz staubedingter Verspätung traf Prof. Isasi-Díaz im Praktisch-Theologischen Seminar ein, wo sie ein nicht besonders großer, aber sehr interessierter Kreis von Studierenden und zwei befreiungstheologisch bzw. feministisch orientierten Lehrenden erwartete. Als Einstieg verdeutlichte sie anhand der Leitwerte der französischen Revolution -liberté, égalité, fraternité die Notwendigkeit von Solidarität. Der auf das Prinzip der Solidarität verweisende Wert der Brüderlichkeit ist laut Isasi-Díaz als Einziger der drei Begriffe in unserer westlichen Welt nicht als Gesetz kodifiziert worden. Dabei ist Solidarität in Zeiten der Globalisierung unabdingbar, um Gerechtigkeit zu erreichen. Verstanden ist Solidarität hier als gemeinsame Verantwortung und gemeinsame Interessen. Bedürftige und Besitzende sind intrinsisch miteinander verbunden; Menschen sind soziale Wesen. Wir gehen moralisch und auch wirtschaftlich zugrunde, wenn wir uns von den Menschen der „Dritten Welt“ nicht zum Nachdenken über unseren Lebensstandard herausfordern lassen. Zu ihnen stehen wir in einem beidseitigen Verhältnis. Wir tragen Verantwortung füreinander und haben Anspruch auf gegenseitige Unterstützung. Deswegen geht Solidarität ihrer Struktur nach deutlich über Wohltätigkeit hinaus, auch wenn letztere nichts Schlechtes ist. Solidarität bedeutet nicht, zu applaudieren, wenn Unterdrückte für ihre Rechte kämpfen. Solidarität bedeutet, sich den kritischen Anfragen und den Forderungen nach Unterstützung, mit denen sie sich an uns Privilegierte wenden, zu stellen. Dass die Armen und Schwachen dieser Welt solche Erwartungen und Wünsche haben, beschrieb Ada María Isasi-Díaz am Beispiel einiger katholischer Nonnen in einem ländlichen Teil Südamerikas, die sie auf einer Reise besuchte. Kurz vor der Abfahrt berichteten die Frauen, ihnen fehlten die Mittel, um ihre jungen Schutzbefohlenen für die Schule auszurüsten. Sie begnügten sich nicht damit, für ihr Engagement gelobt zu werden, sondern sie baten Frau Isasi-Díaz, ihre persönlichen Möglichkeiten der Unterstützung auszuschöpfen. Daraus wurde ein Spendenappell, der einige Mittel einbrachte. Das Entscheidende an der Situation war die gleichberechtigte Begegnung. Spenden zu sammeln oder Protestbriefe zu schreiben ist kein Akt der Güte und Muße, sondern das Eingeständnis, mit dem Rest der Welt verbunden zu sein. Unser Ich ist nicht vollständig ohne ein Du. Ohne unser Gegenüber sind wir nicht wir selbst. Arme und unterdrückte Menschen existieren nicht unabhängig von unserer Situation. Weil wir wir sind, sind sie sie.
Dabei gilt zu bedenken, dass Armut ein politisches Problem ist. Wir haben uns unsere Privilegien nicht mit eigener Hand genommen. Aber um wir selbst zu sein und uns selbst zu erkennen, müssen wir uns unserer privilegierten Lebensumstände bewusst werden und die Konsequenz daraus ziehen: Wir sindmoralisch dazu verpflichtet, Verantwortung für unseren Reichtum zu übernehmen und uns für die Anliegen der Armen zu öffnen. Die „Occupy“-Bewegung in den USA etwa hat die Diskussion über den Kapitalismus verändert, und Frau Isasi-Díaz sympathisiert mit der Idee einer „Occupy Faith“-Bewegung, die eine ähnliche Gesellschaftskritik zugunsten eines fairen Miteinanders ins Zentrum des christlichen Glaubens stellt. Dem neoliberalen Trend der Privatisierung stellt sich zum Beispiel die US-Finanzexpertin Elizabeth Warren entgegen, die auch eine 2010 von Präsident Barack Obama bewilligte Verbraucherschutzbehörde für Finanzprodukte durchsetzte. Schließlich fahren auch Millionäre, die sich aufgrund ihrer finanziellen Mittel als über staatliche Versorgungssysteme erhaben fühlen, auf Straßen, die mit Steuergeldern finanziert wurden. Frau Isasi-Díaz erwähnte in diesem Zusammenhang auch die Äußerung Johannes Paul des II., jedes private Besitztum sei mit einer sozialen Hypothek belegt.
Wie soll nun eine Befreiung aussehen? Eine gesunde, solidarische (Welt-)gesellschaft zeichnet sich für die Vortragende aus durch „fullness of life“. Dies entspricht dem, was Indigene in Südamerika unter el buen vivir verstehen: Gut (als Adverb verstanden!) zu leben bedeutet demnach, dass Menschen, Gemeinschaften und die Natur in Harmonie leben, einander respektieren und keine Gewinne auf Kosten der anderen Mitglieder der Gemeinschaft anstreben. Auch im Königreich Bhutan setzt man dem Gewinnstreben andere Werte entgehen: Statt des Bruttosozialprodukts ist hier das aus vier Säulen und acht Indexen basierende Prinzip des „Bruttosozialglücks“ Maßstab für Glück und Zufriedenheit. Das Beispiel des nach westlichen Maßstäben wirtschaftlich unter¬entwickelten Königreichs Bhutan wirft außerdem die Frage nach Sinn und Ziel von Entwicklungspolitik, und Entwicklungszusammenarbeit als Alternative, auf. Martha Nussbaum, Philosophin und Professorin für Rechtswissenschaften und Ethik an der University of Chicago, entwickelte in diesem Bereich in den 1980er Jahren gemeinsam mit Amartya Sen den „Fähigkeiten-Ansatz“, der Fähigkeiten (im Sinne von substantiellen Freiheiten wie einem langen Leben, Beteiligung an wirtschaftlichen Transaktionen und politischer Teilhabe) als konstitutive Bestandteile von Entwicklung ansieht und Armut als Entzug von Fähigkeiten definiert.
Die von Isasi-Díaz aufgegriffenen Themen zeigen, dass Solidarität auf der Ebene der Werte und Maßstäbe ansetzen muss. Solidarität entsteht und wird notwendig, weil wir soziale Wesen sind. Sie ist ein menschlicher, kein allein christlicher Wert. Die anfangs erwähnte, beidseitige Beziehung zwischen Angehörigen der Ersten und der Dritten Welt braucht keine Intimität oder Vertrautheit, um funktionieren zu können. Auch aus Gebieten, die weit von uns entfernt sind, erreichen uns Botschaften, Ansprüche und Erwartungen. Wir wissen um die Verknüpfungen unseres Wohlstandes mit der Armut in der Welt. Wenn wir unserer Verantwortung gerecht werden wollen, können wir keinen „individuellen“ Weg gehen und uns der beidseitigen Beziehung entziehen. Aber auch in unterprivilegierten Gruppen entsteht Solidarität nicht automatisch. Isasi-Díaz berichtete hier von Latinas in den USA, die sich aufopfern, um ihren Kindern den Besuch Oberschule oder sogar der Universität zu ermöglichen. Die nun gebildeteren Kinderschämen sich oft für die Einfachheit ihrer Mütter, anstatt ihnen dankbar zu sein. Als Einwanderer zweiter Generation meinen sie, sich in die Erste Welt einkaufen und anpassen zu müssen. Häufig entwickeln sie erst mit Heirat und Familiengründung ein Bewusstsein dafür, dass ihre eigene Stellung auf der Unterstützung der Müttergeneration beruht. Im Sinne der Solidarität wäre es für diese jungen Amerikaner wichtig, sich weiterhin in ihrer Herkunftsgemeinschaft verwurzelt zu sehen und zu versuchen, dieses Prinzip der gegenseitigen Hilfe in ihrem neuen gesellschaftlichen Umfeld zu etablieren.
Im Anschluss an die hier nachvollzogenen Ausführungen gab es eine Fragerunde und Diskussion. Besonders die Umsetzung der Solidarität von unserer Seite aus interessierte die Anwesenden. Natürlich können wir nicht in allen Lebensbereichen gleichermaßen Verantwortung für unsere Privilegien übernehmen und uns solidarisch mit den sozial und wirtschaftlich Unterdrückten zeigen. Aber wir können Schwerpunkte in einigen Bereichen setzen. Auch unser Leben im materiellen Sinn zu vereinfachen kann helfen, das „wir“ zu entdecken. An dieser Stelle kam eine wichtige Frage auf: Wie sollen wir mit den Unterdrückern, den Reichen, umgehen? Frau Isasi-Díaz stimmte zu, dass dies ein heikler Punkt sei. Sie wies darauf hin, dass es auch unter den Superreichen Menschen gibt, die sich in der Verantwortung sehen, etwa Warren Buffet und Bill und Melinda Gates, die seit Jahren nicht nur die Zinsen, sondern auch die Substanz ihres Vermögen in private Wohltätigkeitsstiftungen investieren. Generell wird es aber wohl schwer sein, den Superreichen zu vermitteln, dass sie den Rest der Gesellschaft (also sowohl uns als Mittelschicht, als auch die Ärmsten) brauchen. Ada María Isasi-Díaz bezeichnet sich denn auch ganz offen als historische Utopistin, die fest an das „Wir“-Gefühl glaubt, weil sie es z.B. in indigenen Gemeinschaften erlebt hat.
Ein herzlicher Dank gebührt den Studierenden aus der AG Befreiungstheologie, der Gleichstellungskommission und der Fachschaft der Theologischen Fakultät Heidelberg für die Mithilfe bei der Vorbereitung des Vortrags.

Unica Peters

Ada María Isasi-Díaz ist Prof. em. für Ethik und Theologie an der Drew University, New Jersey. Kontakt: @.. Homepage: http://users.drew.edu/aisasidi/. Ihr neues Buch, das die im Vortrag vorgestellten Ideen entwickelt, wird 2013 unter dem Titel Justicia: A Reconciliatory Praxis of Care and Tenderness bei der Fortress Press erscheinen.