Zwei Erlebnisse im Gottesdienst haben mir in den letzten Wochen die Wichtigkeit von Frank Crüsemanns Buch „Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen. Die neue Sicht der christlichen Bibel“ gezeigt.

Beim ersten habe ich zu Abrahams Berufung (Gen 12, 1-4) gepredigt. Ein alttestamentlicher Text. Auch sonst kam im Gottesdienst kein Text aus dem sogenannten Neuen Testament vor. Ein Gottesdienst also ohne expliziten Christusbezug. Geht das? Ein Feedback nach dem Gottesdienst: „Für meine Frömmigkeit war zu wenig Jesus Christus. Darum hat es mich religiös nicht sehr berührt.“

Ich konnte ehrlich gesagt wenig anfangen mit diesem Feedback. Hatte ich doch über einen der zentralen Texte der Bibel gepredigt. Abrahams Berufung. Und warum bitte soll da von Jesus Christus die Rede sein?

Wird solch eine Geschichte erst durch den Bezug auf Jesus Christus religiös wertvoll? Welchen Wert hat das Alte Testament? Hat es seine Berechtigung nur als Verweis aufs Neue? Braucht es die Legitimation des Neuen? Wie lässt sich das Verhältnis von Altem und sogenannten Neuem Testament bestimmen?

Das zweite Erlebnis war der vergangene Israelsonntag, zu dem ich in meiner Berliner Gemeinde im Gottesdienst war. Der bleibende Bund Gottes mit Israel wurde mehrfach betont und besungen. So wurde die Einschätzung der EKD-Studie „Christen und Juden II“ bestätigt: „Für das Verhältnis von Christen und Juden ist es ein theologisch entscheidender Punkt, daß die Erwählung Israels heute zu den allgemein anerkannten christlichen Überzeugungen zählt.“

Mein schales Gefühl rührte nicht daher, sondern von dem Eindruck, dass dieser Punkt zwar heute glücklicherweise kirchlicher Konsens ist, aber unsere Theologie und gemeindliche Praxis davon merkwürdig unberührt bleibt.

Was heißt die Anerkennung des bleibenden Bundes Gottes mit Israel für uns? Was heißt es für unseren Umgang mit den Schriften, wenn wir Jesus als Juden bekennen? Was bedeutet die schriftliche und mündliche Tora für uns? Und warum erregt es selbst am Israelsonntag keinen Anstoß, dass wir uns als Gemeinde zur Lesung aus dem Neuen Testament erheben, beim Alten Testament aber sitzen bleiben?

Vielen dieser Fragen geht C. in seinem Buch nach.

Warum er es überhaupt geschrieben hat, dafür nennt C. zu Beginn zwei Gründe:

Der eine war meine eigene Neugier. Ich wollte mir als christlicher Theologe endlich selbst darüber klar werden, warum ich das Alte Testament so lese, wie ich es lese, und ob es legitim ist, das zu tun. Das bedeutet, ansatzweise eine theologische Theorie für das zu gewinnen, was mir wie vielen unaufgebbar wichtig geworden ist. Der zweite liegt in der Hoffnung, anderen etwas an Argumentationshilfe für ihr theologisches Denken und ihre oft längst geübte Praxis zu liefern.“

Um es gleich vorweg zu sagen, beides ist ihm m.E. hervorragend gelungen. C. schreibt sehr eingängig und ich hatte beim Lesen immer wieder den Drang mit anderen Menschen über das Gelesene ins Gespräch zu kommen, die neuen Sichtweisen gedanklich umzusetzen.

Und C. gelingt es eine überzeugend anwendbare Hermeneutik des Verhältnisses von Altem und Neuem Testament zu entwerfen. Sein Anspruch ist dabei, dieses Verhältnis aus der Bibel selbst zu gewinnen. Er bestimmt dieses aus dem Neuen Testament selbst: „Die wichtigste Antwort, mit der im Kern alles gesagt ist, lautet: Für das Neue ist das Alte Testament ‘die Schrift’.“

Zwar wird diese Antwort heutzutage nicht mehr ernsthaft angezweifelt, doch wird sie allgemein meist so ausgedeutet, dass trotzdem eine Abwertung des Alten Testaments geschieht. C. zeigt dies eindrücklich an einem Durchgang durch die Theologiegeschichte. Dort findet er vier „Typen der Zuordnung von Neuem und Altem Testament“: Ablehnung, Kontrast, Christuszeugnis sowie Relativierung und Selektion. Er gewinnt aus diesem Überblick drei Gemeinsamkeiten der verschiedenen Typen: 1. Die Überlegenheit des Neuen Testaments über das Alte. 2. Die Annahme, „dass das Neue Testament aus sich heraus zu lesen sei, und als solches dann [mit dem AT] verglichen werden kann.“ 3. „Die Juden sind in jedem Falle theologisch nicht mehr im Spiel. Jede positive Linie vom Alten zum Neuen Testament geht an den Juden vorbei. Kurz: Das Alte Testament ist seit Christus das Buch der Kirche geworden, die Juden können sich nicht mehr legitimerweise darauf berufen. Der alte Bund gilt als überwunden, der Neue ist in Christus und nur in Christus vollzogen.“

Mensch kann sagen: Gegen diese drei auch die heutige Theologie und kirchliche Praxis prägenden Grundüberzeugungen schreibt C. an.

C. fordert von heutiger Kirche und heutigen Christ*innen das Alte Testament als das wahrzunehmen, was es für Jesus, seine Jünger*innen und das Neue Testament war. Als die Schrift. „Wenn sich christlicher Glaube, christliche Theologie und christliche Kirche auf das Neue Testament gründen, muss das auch für sie im gleichen Maße gelten. Der Bezug auf das Neue Testament impliziert: Die Bibel Israels ist die Schrift, sie ist gültig und in Kraft, sie ist vorgegeben und wird bestätigt. Von einer Herabstufung, einer minderen Wahrheit, einem zweiten Rang kann nicht die Rede sein.“

Der besondere Verdienst C. ist dann, dass er dann seine Hermeneutik an zentralen Themen und Texten des sogenannten Neuen Testaments erprobt. So untersucht er u.a. die Frage nach altem und neuem Bund, das Verhältnis von Israel und christlicher Kirche und die Auferstehung. Dabei wird deutlich, dass gerade die biblische und kirchliche Rede von der „Erfüllung der Schrift durch Jesus Christus“ keine Überwindung dieser bedeutet. Im Gegenteil C. zeigt, wie durch die Verweise auf das Alte Testament, die in traditioneller Exegese in das Schema von Verheißung und Erfüllung gefasst werden, „die Schrift in allen ihren Teilen, als Gesetz, Prophetie, Psalmen bestätigt, bekräftigt“ wird. Die Schrift „geht in keinem Fall in diesem Bezug auf, ihre Bedeutung wird nicht auf das christologisch Relevante reduziert.“

In diesem Sinne möchte er auch die Auferstehung Jesu als Schriftauslegung verstehen. Die Pointe dieser These ist darin zu sehen, dass es kein Nebeneinander von Auferstehungserfahrung der Jünger*innen und Vorstellungen von Auferstehung im Alten Testament gibt und erst nachträglich die Auferstehungserfahrung mit Hilfe der Schrift gedeutet wird und damit die Schrift in neuem Licht erscheint. C. insistiert gegenüber dieser weit verbreiteten Vorstellung darauf, dass „[n]ur im Rahmen der von der Schrift bestimmten Erwartung einer Totenauferstehung […] die Erfahrung der Auferstehung Jesu als Erfahrung möglich und formulierbar“ ist. Daraus folgert er letztendlich, dass „[d]ieses Geschehen […] die Fülle, von der die Schrift spricht, weder ersetzen noch auch nur in der Substanz verändern“ kann.

Durchweg argumentiert C. also an und mit der Schrift, womit er sich freimachen möchte von den dogmatischen Entscheidungen der frühen Kirche seit Justin.

Gerade C. Umgang mit den biblischen Texten hat mich beeindruckt. Er vermag einem die Augen für altbekannte Perikopen neu zu öffnen. Seine Lesarten sind oft so selbstverständlich einleuchtend, dass ich über mein gewohntes, oft unbewusst antijudaistisch geprägtes, Verstehen der Texte erschrecke. C. stößt dazu an die Bibel (wieder) zu lesen, indem er Freude am Umgehen mit den Texten vermittelt und ein Beispiel dafür gibt, wie sich in und mit ihnen argumentieren lässt.

Darüber hinaus ist das Buch ein großartiges Nachschlagewerk, gerade für Menschen, die öfters mal das Gefühl haben, dass an der gängigen Auslegung von gerade auch neutestamentlichen Texten in Kirche und Universität etwas faul ist, mensch dies aber nicht so recht benennen oder belegen kann.

Ein Buch also, dass ich in Reichweite meines Schreibtisches bereithalte.

Christen und Juden : zur theologischen Neuorientierung im Verhältnis zum Judentum ; eine Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland. 2. Zur theologischen Neuorientierung im Verhältnis zum Judentum (Gütersloh: Mohn, 1991), 18f.

Frank Crüsemann, Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen : die neue Sicht der christlichen Bibel, 1. Aufl. (Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2011), 11.

Ibid., 93.

Ibid., 5.

vgl. ibid.

vgl. ibid., 64.

Ibid.

Ibid.

vgl. ibid., 135f.

Ibid., 136.

Ibid., 256.

vgl. ibid., 258.

Ibid., 274.

Ibid., 286.