„Um eine/n Fremde/n anzusprechen, sagt man auf arabisch ‘Schwester’ / ‘Bruder’, auf deutsch entschuldigt man sich“, stellt Nada im Flugzeug fest. Die Plauderei mit der Sitznachbarin fängt bei süffisanten Beobachtungen über unsere Sprachen an. Sie hält fest, dass in Tunesien nicht über Politik geredet wird, danach reden wir über Politik: Vor der Revolution sei kein Mensch an dem Thema interessiert gewesen, plötzlich sprach man über nichts anderes. Nie habe sie ihre Nachbarn und Freunde so viel lachen gehört und so fröhlich gesehen. Diese Tage des Aufbruchs sind in Tunesien inzwischen vorbei.

Später am Tag, angekommen bei unseren GastgeberInnen Mathilde und Elyes. Zwischen äthiopischem Kaffee, Datteln und einer vegetarischen Tajine schildern die beiden die Grautöne des gegenwärtigen Tunesien.

Der Diktator Ben Ali ist zwar gestürzt, doch nach der anfänglichen Hoffnung und Euphorie befindet sich das Land inzwischen in einer Art Lethargie. Die junge Generation sieht keine Perspektive, die Stimmung ist geprägt von Resignation und Abwarten, die Jungen verlassen das Land. Fragt man in der Straße nach der aktuellen Politik, erhält man die knappe Zusammenfassung „88“. In diesem würdigen Alter befindet sich der aktuelle Präsident Beji Caid Essebsi, der ständig von zwei Bodyguards gestützt werden muss. Eine wirkliche Alternative sei innerhalb des politischen Systems nicht zu erkennen. Die etablierten Parteien von rechts bis links stehen für eine Politik der nationalen Einheit, der Öffnung für die politischen und wirtschaftlichen Interessen der EU und eine investitionsfreundliche Wachstumspolitik. Bewegungen, denen es gelingt diese hegemoniale Deutung zu durchbrechen, gibt es kaum.

Auf den ersten Blick hat Tunesien eine vorbildlich funktionierende parlamentarische Demokratie. Unter diesem Deckmantel gibt es jedoch weiterhin politische Repression, die etwa kritisch berichtende Journalist_innen trifft.

Ein sich als politisch verstehender Islam hat keine leichte Zeit. Denn die Rede von Befreiung in Verbindung mit dem Islam gerät sofort unter Islamismus- bzw. Fundamentalismus-Verdacht, weswegen sich die politischen Muslime weitgehend aus dem Diskurs zurückgezogen haben. Ihre Stimme wird kaum noch gehört. Das bekommt natürlich auch die traditionsreiche islamische Ennahda-Partei zu spüren. Die Ablegerin der Muslimbrüder wurde nach der tunesischen Revolution gewählt und prägte die vergangenen Jahre des Übergangs politisch. Bei dieser Wahl standen aber weniger religiöse Inhalte im Vordergrund. Entscheidender war ihr Ruf als Hoffnungsträgerin, die sich nie gemein gemacht hatte mit der Politik des alten Regimes, sondern in der Opposition war und verfolgt wurde. Die Menschen jedoch, die für die Opposition arbeiteten und unter Ben Ali verfolgt wurden und im Gefängnis saßen, sind nie entschädigt worden. Ihre Strafregistereinträge wurden auch unter der Ennahda-Regierung und bis heute nicht gelöscht.

Das nach wie vor beherrschende Thema in Tunis ist natürlich der Anschlag auf das Bardo-Nationalmuseum am vergangenen Mittwoch durch zwei Attentäter des IS, bei dem 21 Menschen ums Leben kamen. Für die ohnehin schon pessimistische Stimmung dieser Tage ist das ein weiterer Schlag, denn das Letzte, was das von Arbeitslosigkeit und einer nach wie vor miserablen Wirtschaftslage gebeutelte Tunesien braucht, ist, dass die Touristen wegbleiben.

Sowohl für einen emanzipatorisch verstandenen Islam, als auch für die konservativ-islamische Ennahda wird durch diese jüngsten Ereignisse die Luft dünner.