Das Weltsozialforum findet seit 2001 mittlerweile zum 12. Mal statt. Zu den Hochzeiten der globalisierungskritischen Bewegung wurde es als Gegenveranstaltung zu den hegemonialen Großgipfeln der G8 oder in Davos ins Leben gerufen. Bei unseren Streifzügen über das Forum stellt sich nicht nur einmal die Frage, ob das Konzept ‘Weltsozialforum’ noch tragfähig ist, doch dazu später mehr.

Der riesige Unicampus von Tunis liegt mitten in der Stadt. Wir betreten ihn durch die Sicherheitsschleuse, die manchmal abgeschaltet und manchmal auf Dauerpiepsen eingestellt scheint. Während des Forums ist der Campus ein schier undurchschaubares, buntes Durcheinander verschiedener Stände, Zelte – und Interessen. Flyer werden verteilt, lautstarke Minidemos finden in jedem Moment statt, ein beliebtes Mittel für die vielen internationalen sozialen Bewegungen, um sich auf dem Campus Gehör zu verschaffen. Ein Querschnitt der Themen und Gruppen ist kaum auszumachen. Die Spannbreite reicht von so globalen Anliegen wie Demokratie und Menschenrechte, Armut, Imperialismus über Diskussionen zu aktuellen Krisenherden wie die Ukraine oder Syrien zu Veranstaltungen sehr kleiner Interessengruppen: Das vergessene tunesische Flüchtlingslager Choucha, der Kampf um Selbstbestimmung des Saharawivolkes (Westsahara) oder eine Wirklichkeit gewordene Utopie: das selbstverwaltete äthiopische Dorf Awra Amba. Dem Veranstaltungsort geschuldet konzentrieren sich viele Veranstaltungen auf den arabischen Raum und den Maghreb: Natürlich spielt die Transition in Tunesien nach der Revolution eine Rolle und die Workshops und Vorträge zur Situation Palästinas sind kaum zu zählen.

Ob es nun die riesige Spannbreite von Anliegen, Kämpfen und Themen ist oder die organisatorische Gestaltung des Forums: man hat eigentlich keine Chance auch nur einen kleinen Teil des Spektrums wirklich zu erfassen. Ganz zu schweigen davon einen roten Faden in diesem internationalen, vielsprachigen Chaos zu finden – den es vielleicht schlicht nicht geben kann. Trotzdem stellt sich die Lage linker sozialer Bewegungen auf dem Campus von Tunis wie unter einem Brennglas dar: Als fragmentierte Schar unzähliger einzelner Kämpfe, die nur mühsam zusammengehalten werden von den größtmöglichen Signifikanten Kapitalismus oder Imperialismus. Das Anliegen und zugleich die größte Herausforderung des WSF ist es, die partikularen Kämpfe miteinander zu vernetzen und zu organisieren.

Trotz allem: eine nicht geringe Leistung des WSF ist es, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Vielfalt der Themen von einem gemeinsamen Befreiungsprojekt zusammengehalten wird.