Eine umtriebige Veranstalterin innerhalb des Sozialforums ist das WFTL, das Weltforum Theologie und Befreiung. Wir stehen in engem Austausch und unter seinem Dach findet unser Workshop über Migration und Bewegungsfreiheit statt. Das WFTL (wer Lust hat zu schmökern, sei an dieser Stelle noch einmal auf Bernhards Blog vom WTF 2011 in Dakar [unter Archiv] verwiesen…sehr aufschlussreich) besteht hier aus einer kleinen Gruppe von TheologInnen aus Europa, Lateinamerika und den USA. Ihr Selbstverständnis besteht nach eigener Aussage darin, „die Diskussion um die Rolle der Religionen in den sozialen Kämpfen einzubringen.“ Die Workshops heißen: „Interfaith/Religious and Ecological Mobilization for Justice and Peace“, „Indigenous Peoples, Religions and Human Dignity“ oder „Religion, Politics and Liberation“. So global wie die Themen gesetzt sind, so allgemein sind die Veranstaltungen selbst. Es gibt Vorträge über das „regime of knowledge“ und die Notwendigkeit alternatives Wissen von unten zu generieren oder über die Verflechtung von Staat und Kirche in Kenia. Maria Pilar Aquíno aus Mexiko spricht über Dankbarkeit als befreiungstheologisches Konzept: Der befreiende Glaube soll das Bewusstsein für soziale Veränderung am Leben erhalten, religiöse Überzeugungen teilten universell das Streben nach Gerechtigkeit und Frieden. Irgendwann entsteht bei uns der Eindruck, hier haben sich einige besorgte TheologInnen zusammengefunden, um dem von Politik und sozialen Bewegungen geprägten WSF auch eine passende religiöse Note hinzuzufügen. Ein konkretes Programm, eine fundierte Analyse oder klare Kriterien, was befreiende Theologie/n zum Diskurs sozialer Bewegungen beitragen können, sind zumindest uns nicht aufgefallen. Marcella Althaus-Reid sprach im Zusammenhang der Aneignung und Entleerung der Befreiungstheologie einmal vom befreiungstheologischen Disneyland. Die Widersprüche dieser wolkigen Veranstaltung zeigten sich spätestens dann, als ein schwedischer Kommunist nachdrücklich einen entschiedenen Beitrag der Religion zu den sozialen Kämpfen einforderte oder als einige junger TunesierInnen die Rolle der Religion nach der Revolution beklagten: Statt Infrastruktur und Schulen aufzubauen, sei Geld in den Bau von Moscheen geflossen.

Dies wäre die notwendige Gelegenheit für eine Religionskritik gewesen bzw. um Kriterien zu diskutieren, wie Religion emanzipatorisch und auf eine befreiende Praxis hin gedacht werden könnte. Das Potential aus Menschen ganz unterschiedlicher Glaubensrichtungen, Herkunft und politischer Kontexte wäre jedenfalls vorhanden.

Ein dankbarer Nebeneffekt dieser Begegnung für uns ist eine Art Vergewisserung: Die Notwendigkeit der Praxis hat sich uns noch nie so deutlich gezeigt wie hier. Religion muss sich über die wohlklingende Rhetorik von Würde, Gerechtigkeit und Frieden hinaus klar positionieren und Ursachen und Profiteure benennen. Dafür ist (weiterhin) eine profunde Analyse notwendig. Und eine gemeinsames Projekt in unseren jeweiligen Kontexten, das Name und Adresse hat. Klingt selbstverständlich – ist es aber nicht.