Kacem Gharbi hat eine bewegte Lebensgeschichte und begeistert uns bereits bei unserem ersten Treffen in einem Café in der Medina. Mathilde von Baraka kennt ihn bereits seit dem letzten WSF und sie sind seitdem freundschaftlich eng verbunden. Er ist mit Sicherheit einer der profiliertesten muslimischen Befreiungsthologen Tunesiens, schreibt derzeit parallel an zwei Dissertationen und forscht dabei unter anderem zur Theologie des argentinischen Befreiungstheologen Enrique Dussel.

Die derzeitige Situation Tunesiens nimmt er mit Beunruhigung war, gerade weil er als junger Mann während der Regierungszeit Ben Alis acht Jahre wegen seiner oppositionellen Parteiaktivitäten in der Ennahda-Partei im Gefängnis saß.

Die Ennahda war nach der ersten Wahl die stärkste Partei und wurde von westlichen Medien als islamistisch bezeichnet. Sie ist ein Ableger der ägyptischen Muslimbrüder und ihre Identität wird von einem konservativ-islamischen Diskurs bestimmt. Am ehesten lässt sie sich

wohl mit der europäischen Christdemokratie vergleichen: ein konservativer Wertediskurs und ein knallhartes neoliberales Wirtschaftsprogramm – getarnt durch eine soziale Rhetorik, wenn dies

gerade angebracht scheint. Das Paradoxe ist, dass der Wahlerfolg der Ennahda nach der Ben-Ali-Diktatur wohl damit zu erklären ist, dass die meisten Menschen in ihr die einzige ernsthafte Alternative zum alten Regime sahen – und zugleich fand gerade unter der Ennahda-Regierung an den entscheidenden Schaltstellen der Macht kein wirklicher Wechsel statt, vor allem gab es keine Wiedergutmachung, ja nicht einmal eine Löschung der Akteneinträge der unter Ben Ali verfolgten Oppositionellen.

Die islamische Befreiungstheologie (wobei Kacem inzwischen durch den Islamismus-Diskurs eher den Ausdruck muslimisch bevorzugt) ist bislang ein Projekt im Entstehen, keine wirklich formierte Bewegung oder Strömung. Vor allem ist sie ein Phänomen einiger Intellektueller, leider bislang ohne wirkliche Verankerung unter religiösen Muslimen und in sozialen Bewegungen. Für die Intellektuellen, die sich selbst dieser Strömung zurechnen, stellt sich das Problem doppelter Abgrenzung: von einem reaktionären Islamismus-Diskurs, aber auch vom sogenannten „progressiven Islam“, der meist mit einer Orientierung am westlichen Modell der repräsentativen Demokratie einhergeht, dem Islam in Staat und Gesellschaft eine ähnliche Rolle zuschreibt wie die der Volkskirchen in Europa, sich als politisch neutral verstanden wissen will und somit etwa in sozio-ökonomischer Hinsicht nicht fähig ist, einen eigenen Beitrag zu formulieren. Inzwischen ist zwar in der neuen Generation der Imame mehr Pluralität und Diversität zu sehen, aber eine politische Positionierung im Sinne einer Thematisierung der Unterdrückungsstrukturen innerhalb einer neoliberalen, kapitalistischen Gesellschaft bleibt extrem marginal.