Persönlicher Bericht über das Weltsozialforum (WSF) 2011 in Dakar
von Ulrich Duchrow

Vom 6.-11. Februar 2011 fand in Dakar/Senegal das Weltsozialforum statt. Ich war als Vertreter von Kairos Europa in drei Zusammenhängen beteiligt:

  1. Dem Weltforum für Theologie und Befreiung (WFTL)
  2. Dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK)
  3. Der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS).

Diese brachte mich durchaus komfortabel in dem schönen Hotel Djoloff in westafrikanischem Stil unter. Ich sitze hier auf der Dachterrasse mit Blick auf den Ozean, während ich diesen Bericht vor dem Rückflug heute Abend beginne. Die Sonne scheint von dem wunderbar blauen Himmel – wie die meisten Tage. Der Wind bläst den Smog weg, der an bedeckten Tagen über der Stadt lag.

Vor den einzelnen Veranstaltungen wurde das WSF durch einen großen, bunten
Demonstrationsmarsch eröffnet. Bereits hier traf ich viele Leute – alte Bekannte und neue Leute, besonders aus der ökumenischen Delegation, zu der ich auch offiziell gehörte. Es gab bereits viele Gespräche und Vernetzungen.

1. Weltforum für Theologie und Befreiung (WFTL)

Dieses begann einen Tag früher als das WSF, am 5.2. Das Eröffnungspodium war betitelt:

Universal Commonalities in the horizon of religious traditions. Die frühere Präsidentin des ÖRK, Mercy Odoyoye, erinnerte daran, dass Afrika die Wiege der Menschheit ist, und betonte die Bedeutung der traditionellen afrikanischen Religionen, die unter der Oberfläche der offiziellen Religionen bis heute wirksam sind. Insbesondere die Verbindung mit Mutter Erde und unter den Generationen sieht sie als entscheidend wichtig für heute an. Die Riten, die von den Kolonisatoren als heidnisch verworfen wurden, inspirieren die Menschen, mit den Kräften der Schöpfung achtsam umzugehen, und helfen so, die gewaltsamen Zerstörungen durch die westliche Zivilisation zu überwinden und das Wirtschaften auf das Gemeinwohl zu richten. Juan José Tamayo, der bekannteste Befreiungstheologe Spaniens, begann mit dem Hinweis auf das Manifest von Leonardo Boff und Perez de Esquivel zur Erdcharta, das vorher verschickt wurde (http://www.wftl.org/pdf/declaration_boff_and_escoto.pdf). Es fordert einen Paradigmenwechsel vom kompetitiven Individualismus zur Interdependenz der Menschen untereinander und mit der Erde. Zum Sozialkontrakt muss der Kontrakt mit der Natur hinzukommen. Die Religionen müssen sich der Selbstkritik unterziehen, um zu einer konstruktiven Kraft zu werden. Das können sie nur, wenn sie eine Praxis der „compassion“ entwickeln und den neuzeitlichen Subjekt-Objekt-Dualismus überwinden.

Das erste Podium handelte von „Context and challenges of contemporary theology“.

Hier vertraten Diego Irrazaval /Chile Lateinamerike, Wai Man Yuen/Hongkong Asien, Dwight Hopkins/USA Nordamerika, Sean Clearly/Australien Ozeanien, Paulin Poucouta/Kamerun Afrika und ich Europa. Mary Getui/Kenia moderierte.

Diego Irrazaval beschäftigte sich vor allem mit dem grundlegenden Wandel von der westlichen Ideologie des kompetitiven Individualismus und ihren zerstörerischen Wirkungen auf Menschen und Erde hin zu einer Kultur des achtsamen Umgangs miteinander und der Erde. Besondere Beiträge zu diesem Wandel leisten die befreiungstheologischen Ansätze aus verschiedenen Perspektiven der afro-lateinamerikanischen, indigenen, feministischen und ökologischen Bewegungen. In vielen Fällen haben diese Ansätze die politische Machtebene erreicht, vor allem in Bolivien und Ecuador. Auch Hopkins sieht in den USA den Wandel von unten wachsen und verweist dabei besonders auf die einmalige Mobilisierung von unten für Obama, z.T. aus befreiungstheologisch orientierten Gemeinden der Afro-Amerikaner. Die Chinesin wies auf die Bedeutung der 5000 jährigen Kultur für das Wachsen neuer Verhaltensweisen hin. Der Beitrag der an der Teilnahme verhinderten Paulin Poucouta wurde von der Moderatorin verlesen. Für sie ist die zentrale Frage für die Befreiungstheologie, wie angesichts der tödlichen Gefährdungen das Leben in seiner Ganzheit wieder das grundlegende Kriterium des Denkens und Handelns werden kann.

Vom 6.-8. nahm das WFTL am WSF teil. Am 9.2. kam es dann wieder im Collège Sacré Coeur zusammen, während die Mahlzeiten in der Nähe in einer anderen katholischen Einrichtung eingenommen wurden. Nun ging es im 2. Podium um die Zukunft der Befreiungstheologie. Hier erwähne ich José Maria Vigil, der für die Befreiungstheologie stärkere Interdisziplinarität forderte, weil die Realität nur von verschiedenen Achsen und Dimensionen her verstanden und zur Gerechtigkeit hin verändert werden kann. Besonders beeindruckend war auch Kochurani Abraham Karippaparampil aus Indien, die ihre Thesen unter das Motto stellte: Walking beyond boundaries, besonders im Blick auf gender, class/cast und humans/ earth. Sie forderte eine subversive Theologie, from text to texture (embodiment) entsprechend Gandhis Ausspruch „May life is my message“. Dazu gab sie Beispiele aus der jüngeren Geschichte der sozialen Bewegungen.

Am Nachmittag begann dann die Phase der Arbeitsgruppen. Jörg Rieger und ich organisierten eine unter dem Motto „Overcoming the Empire (of capitalism)“. Kochurani moderierte sie, auch Jung Mo Sung nahm teil. Wir hatten vorzügliche Diskussionen. Ausgehend von der Beschreibung der verschiedenen Machtdimensionen des totalitären Imperiums beschäftigten wir uns lange mit der Frage, wie die klare Parteinahme angesichts des Klassenkampfes von oben nicht zu einer Spiegelung der Methoden und Kategorien führen, sondern klarmachen kann, dass es gerade um eine Überwindung des binären Denkens geht im Sinn des „Ich bin, weil Du bist“. (hier wird noch ein Bericht versandt werden, ebenso der Gesamtbericht des WFTL).

Insgesamt war das WFTL – zusätzlich zu den vielen Einzelgesprächen – eine Vergewisserung, dass die Befreiungstheologie in allen Erdteilen lebendig ist, gerade weil sie nicht mehr den relativ einheitlichen Charakter der frühen lateinamerikanischen Befreiungstheologie hat. Eine neue Dimension, die in vielen Beiträgen auftauchte, war die Erkenntnis, dass angesichts der globalen Herausforderungen christliche Befreiungstheologie ihrer Aufgabe nur noch in Austausch mit befreiungstheologischen Bestrebungen in anderen Glaubensgemeinschaften bewältigen kann. Es geht um den Aufbau inter-religiöser Solidarität für gerechte Beziehungen auf allen Ebenen (vgl. De la Torre, Miguel A. (ed.), 2008, The Hope of Liberation in World Religions, Baylor University Press, Waco, Texas).

2. Die Veranstaltungen mit dem ÖRK

Am 8.2. war ich als Vertreter von Kairos Europa selbst zusammen mit Rogate Mshana für den Workshop „Capitalism as a System of Greed“ zuständig. Rogate entwickelte zunächst die Geschichte der ökumenischen Arbeit zum Thema („greed line“). Ich zeigte die Wurzeln des Problems mit der Entstehung der Eigentums-Geld-Ökonomie im 8. Jh. v. Chr. auf.

Außerdem nahm ich an weiteren Workshops des ÖRK teil:

  • Zu Food Security and Climate Change, wo u.a. herzzerreißende Beispiele zur Zerstörung der Lebensbasis der ländlichen Bevölkerung in vielen Teilen der Welt erzählt wurden. Außerdem wurde auf das dramatische Artensterben hingewiesen, das in Afrika 20-30% betragen wird, wenn die Erderwärmung weiter um 1-3 Grad zunimmt. Der Regen bleibt aus, verkürzt sich oder fällt unvorhersehbar, so dass keine Planung der Aussaat mehr möglich ist. Zentrales Problem sind die vom Westen und den einheimischen Eliten erzwungenen Strukturanpassungsprogramme, die den Umbau der Landwirtschaft auf Agro-business mit cash crops und Monokulturen vorantreiben. Vom Norden ist eine Metanoia, eine grundsätzliche Abkehr vom globalen Kapitalismus zu fordern, vom Süden eine Abkehr vom Streben, so zu werden wie der Westen.
  • Zum Kampf um Menschenrechte in den verschiedenen Kontinenten. Hier trug ich unseren Plan in Peace for Life zu einer Kampagne gegen die weltweiten US-Militärbasen vor, die wir in Venezuela mit einer internationalen Konferenz eröffnen wollen (ausgehend von den 7 neuen Basen in Kolumbien, die eine Bedrohung für die ganze Region darstellen).

3. Rosa-Luxemburg-Stiftung

Hier gab es einen großen Eröffnungsempfang. Außerdem nahm ich an einer Veranstaltung des Pilotprojekts eines Grundeinkommens in Namibia teil.

Am 10. hatte ich dann abends den Dialog zur Befreiungstheologie mit dem senegalesischen muslimischen Befreiungstheologen Serigne Mansour Sy Djamil, caliph of the Tijanni branch of the Sufi brotherhood, einer nationalen Figur, weil Präsident des „Manifeste citoyen pour la refondation nationale“ (http://nettali.net/Manifeste-citoyen-pour-la.html). Er ist ein charismatischer Mann mit mitreißender Rhetorik. Wir hatten drei Fragen zu beantworten:

1.      What is the state of the world dominated by money and finance?

2.      What do the Bible and the Qur’an propose to step out of this domination?

3.      How can the solidarity between Christians and Muslims and all progressive social forces be strengthened to develop common strategies?

Mit Diskussion dauerte die Veranstaltung dreieinhalb Stunden. In der Diskussion beeindruckten besonders zwei westafrikanische Soziologinnen. Eine von ihnen brachte die ganze Dramatik der gegenwärtigen Situation für die Menschen und das Versagen der offiziellen Religionen zum Ausdruck.

4. Weitere Veranstaltungen

Zu den beeindruckendsten Erfahrungen des WSF gehörte am ersten Tag eine Versammlung der Maghreb-Koalition zu Tunesien – wie überhaupt Tunesien und Ägypten ständiges Thema war. Zur Eröffnung wurden Revolutionslieder gesungen. Dann sprachen nacheinander die VertreterInnen der verschiedenen sozialen Bewegungen und Gewerkschaften, auch eine Rechtsanwältin, ein Schriftsteller und ein Ökonom – glatt 15-20 Leute. Ihre These: die Revolution hätte nicht stattfinden können, wenn nicht seit mindestens 10 Jahren die Bewegungen unter sehr schwierigen Bedingungen vorgearbeitet hätten. Trotzdem seien die Ereignisse auch für sie überraschend gewesen. Das Feuer der Selbstverbrennung  habe die Flamme der Revolution entfacht. Die zentrale Erfahrung: „Un pueblo unido, jamas sera vencido“. Der Vertreter einer Menschenrechtsorganisation sagte: „Notre vengeance est le pardon“. Es sei eine Offenbarung des egalitären und solidarischen Volkes gewesen. Studenten, die sich zunächst vor dem Martyrium gescheut hätten, seien in Kürze dazugekommen. Bald habe man solidarische Selbstverteidigung organisiert und sich in jeder Hinsicht gegenseitig unterstützt. Der Sprecher der freien Schriftsteller erinnerte daran, dass Tunesien das erste arabische Land gewesen sei, dass sich eine Verfassung gegeben habe, das erste auch, das die Sklaverei abgeschüttelt habe, gleich nach 1946 habe man unabhängige Gewerkschaften gegründet. Eine Vertreterin der Frauenbewegung drückte die Hoffnung aus, der Funke würde auf alle Völker überspringen.

Auch die Rolle von IWF, Weltbank, WTO, EU und USA wurde kritisch angesprochen und die Notwendigkeit der nationalen Unabhängigkeit in der Zukunft betont. Auch ein früherer Wirtschaftsminister, der zurückgetreten war, als Ben Ali immer mehr zu  Mafiastrukturen übergegangen sei (Abdeljelil Bédoui, Union Générale Tunesienne du Travail) sprach. Der Westen habe mit den parasitären Klassen gemeinsame Sache gemacht und das Volk gespalten. Die Diktatur sei überwunden, aber nicht die diktatorischen Strukturen. Ich habe nachher persönlich mit ihm gesprochen. Ermutigend für mich war, dass er meinte, die transnationalen Finanzmärkte hätten Tunesien nicht so interessant gefunden, so dass sie gemanagt werden können – immer vorausgesetzt, dass bald eine demokratische, verantwortliche Regierung ans Ruder kommt. Nur 24% der Investitionen an der Börse kämen von außen. Ich werde versuchen, ihn zur nächsten europäischen attac-Sommerakademie einladen zu lassen, wenn wir eine europäische Soli-kampagne auf den Weg bringen wollen. Die Aufbruchstimmung erinnerte mich an Prag 1968 und Chile unter Allende. Nur hoffe ich, dass die Reaktion diesmal nicht siegt.

Außerdem habe ich noch eine Veranstaltung des „Russell Tribunal on Palestine“ besucht. Hier ging es vor allem auch um die Frage des Boykotts israelischer und transnationaler Produkte aus den besetzten Gebiete. Meine sehr beeindruckende letzte Erfahrung war eine der abschließenden 38 zusammenfassenden Foren der sozialen Bewegungen mit ähnlichem Schwerpunkt – und zwar jener Organisationen, die sich gegen das Land-Grabbing einsetzen (s. die Abschlusserklärung: http://farmlandgrab.org/post/view/18159).

5. Einzelgespräche

Interessant war u.a. das Gespräch mit einer Doktorandin aus Armenien auf der Eröffnungsdemo, die gerade im ÖRK bei Rogate Mshana ein Praktikum absolviert. Sie schreibt über die Bergpredigt in der mittelalterlichen Theologie ihres Landes eine Doktorarbeit in Lausanne und erzählte mir über die Situation ihres Landes, von dem ich kaum etwas weiß.

Maake Massango von der UNISA in Südafrika berichtete über einen Politikwechsel in seinem Land unter Mzuma, insofern nun die Entwicklung auf Community-Ebene gefördert wird. Das wurde allerdings später von Wishwas Satgar (Co-operative and Policy Alternative Center, COPAC) relativiert und korrigiert, der das Ganze als Populismus bezeichnet und vor allem darauf hinweist, dass hier die alten Chief-Strukturen gestärkt werden, was faktisch auf Klientelismus hinausläuft. Positiv sieht er vielmehr die Bemühungen um das Wiederbeleben der alten UDF-Bündnisse, weil nur der Druck von Bündnissen gut organisierter sozialer Bewegungen die Politik auf lange Sicht verändern kann.

Weitere Gespräche gab es mit Leuten aus Ägypten, Senegal, Zimbabwe, Venezuela, Honduras, Brasilien, Kolumbien, Paraguay, USA, Indien, Italien, Spanien etc. Mit wem immer man sprach – es ist einfach faszinierend auf den Weltsozialforen, die engagierten, kämpfenden und spirituell beeindruckenden Menschen aus den verschiedenen Kontinenten zu treffen und sich vielfältig mit ihnen auszutauschen und zu vernetzen. Z.B. konnte ich schon einige BundesgenossInnen für unsere geplante europäische attac-Solidaritätskampagne gegen den Sozialabbau gewinnen. Angesichts der entmutigenden politischen und kirchlichen Situation in Europa erfährt man eine Dynamik, die einen hoffen lässt, dass das Bemühen um eine gerechtere Welt eine Chance hat. Der koloniale Spieß dreht sich um: wir müssen und können von Ländern wie Tunesien und Ägypten lernen.

PS

Zur allgemeinen Reflexion über das Weltsozialforum verweise ich auf die guten Berichte von Sven Giegold und Uli Brand im Anhang.