Vom 21. – 25. September 2010 fand im MSC-Welthaus in Münster-Hiltrup die 4. Befreiungstheologische Sommerschule des Instituts für Theologie und Politik und des Jungen Befreiungstheologischen Netzwerks statt. 30 Männer und Frauen, vorwiegend junge Theologiestudierende, aus ganz Deutschland befassten sich eine knappe Woche lang mit dem „Projekt Befreiungstheologie“. Der Anstoß dazu war für viele der Teilnehmenden ein Aufenthalt (Praktikum, Studium, Projektreise) in Ländern Asiens, Afrikas oder Lateinamerikas.

Ausgehend von den vielfältigen Erfahrungen sozialer Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Ausschluss in den Ländern des Südens und den unterschiedlichen Ansätzen von Befreiungstheologie dort, stellten wir die Frage nach der Bedeutung von Befreiungstheologie in Deutschland und Europa. Ist es nur gutgemeinter Befreiungstheologie-Tourismus, wenn wir uns für eine kurze Zeit in den Ländern des Südens aufhalten und uns von den dortigen theologischen Implikationen inspirieren lassen? Oder gibt es ein „gemeinsames befreiungstheologisches Projekt“, das auch für die drängenden gesellschaftspolitischen Fragen in unserem Kontext relevant ist?

Was und wo sind politisch-theologische Orte in Europa? Die Hartz IV-Gesetzgebung, Arbeitslosigkeit, Migration, Abschiebung, Obdachlosigkeit, Atompolitik, Sozialabbau, Bankensanierung usw. sind Kernfragen unserer Gesellschaft, aber ebenso eine systematische Anfrage und eine theoretische Herausforderung für die politische Theologie. Wie kann die Lebensperspektive z. B. von Hartz IV-Empfängern oder von Menschen in Abschiebehaft verändert (verbessert) werden? Wie geschieht Veränderung? Wie kommen wir von der rein karitativen Arbeit zur politischen Aktion? Und wie wird politisch-theologische Existenz an diesen Orten sichtbar? Bezogen auf konkrete Aktionen (Castor-Transport, Bankenblockade, NoBorder-Camp) suchten wir nach einer theologischen Begründung von politischem Engagement.

In Workshops setzten wir uns mit diversen Strömungen der Befreiungstheologie (Feministische Theologie, Ökofeminismus, Queer-Theologie, Postkoloniale- und Dalit-Theologie) auseinander. Die vorrangige Option für die Armen wurde dabei nicht in Frage gestellt. Trotzdem scheint Armut als Kategorie zu kurz zu greifen, um die unterschiedlichen Mechanismen der Diskriminierung und Marginalisierung in den jeweiligen Kontexten fassen zu können. Die jeweils vorherrschende soziokulturelle Ordnung schließt Menschen nicht nur aufgrund ihrer Armut aus, sondern auch weil sie Frauen, Migranten und Migrantinnen, krank und/oder behindert sind, wegen ihrer Hautfarbe und/oder ihrer sexuellen Orientierung. Für Marcella Althaus-Reid z. B. ist der politisch-theologische Ort schwuler und lesbischer armer Menschen der „Rand der Ränder“. Als eine Grundkategorie des gemeinsamen Projekts „Theologie der Befreiung“ kam der Begriff der „Heimatlosigkeit“ ins Gespräch.

Eine immer wiederkehrende Frage war die nach dem „gemeinsamen Nenner“ von Befreiungstheologie: Damit eine universal verstandene Theologie der Befreiung nicht als Groß-Utopie im Ideologischen stecken bleibt, braucht es einen dialektischen Bezug zwischen Universalität und Kontextualität: Politische Aktionen finden lokal statt, denn eine Transformation der bestehenden Verhältnisse ist nur im Kontext möglich. Das Gemeinsame dieser Aktionen kann eine „Universalität ohne konkrete Auffüllung“ sein. D. h. es gibt keine allgemeingültigen Regeln oder Zwecke für befreiendes Handeln. Das Allgemeingültige sind die Kriterien, nach denen Regeln, Handlungweisen und Ziele zu beurteilen sind. Maßgebend dafür sind z. B. der historische Jesus und die Texte der Bibel.

In den Tagen der 4. Befreiungstheologischen Sommerschule geriet das MSC-Welthaus zu einem Ort intensiver theologischer Reflexion, Auseinandersetzung und Suche. Dabei war uns klar, dass wir keine Experten und Expertinnen sind; die Sommerschule hatte Werkstattcharakter. Ebenso klar  wurde uns, dass es an unseren Studienorten und Arbeitsschwerpunkten darauf ankommt, die Themen zu benennen, die unserer Gesellschaft auf den Nägeln brennen, und Verbündete zu suchen, die mit uns gemeinsam an einer Veränderung arbeiten. Wenn Kirche ein symbolischer Ort ist, wo die Konflikte, die auch in der Gesellschaft virulent sind, gelöst werden können, muss sich Kirche das Wort zurückholen. Fangen wir, dort wo wir leben und arbeiten, damit an!

Natürlich haben wir uns auch Gedanken darüber gemacht, wie es mit dem Netzwerk weiter geht. Wir haben uns zunächst auf den Namen „Befreiungstheologisches Netzwerk“ geeinigt. Darüber und über unser Selbstverständnis soll dann beim nächsten Treffen noch intensiver diskutiert werden. Dieses nächste Treffen wird vom 4.-6. März 2011 in Marburg stattfinden.

Außerdem haben wir beschlossen, dass es auch nächstes Jahr eine Befreiungstheologische Sommerschule geben soll, die wieder Ende September stattfinden wird.

Gute Nachrichten gibt es auch im Bezug auf die Internet-Vernetzung. Nachdem das mit der Oikotree-Seite nicht geklappt hat, wurde während der Sommerschule der Grundstein für die neue Seite www.befreiungstheologisches-netzwerk.de gelegt.

Mit der Seite sollte die Kommunikation in Zukunft leichter funktionieren und somit das Projekt Befreiungstheologisches Netzwerk weiter voran bringen.

Befreiungstheologie lebt!