Eindrücke vom Attac-Wachstums- und Marx-Kongress (Berlin 2011)

Einige Leute aus dem Befreiungstheologischen Netzwerk haben sich im Rahmen des Attac-Kongresses “Jenseits des Wachstums” und des Kongresses “Rethinking Marx”, die beide vom 20.-22. Mai 2011 in Berlin stattfanden, getroffen. Hier ein paar Eindrücke von den verschiedenen Erfahrungen:

3 Kommentare

  1. Bernhard

    24. Mai 2011 at 20:29

    “Das erste, was man in der Physik lernt, ist, dass jeder Vektor eine Richtung hat – die “Wachstumszahlen” aber sagen nicht, ob es in die Richtung der Bewahrung oder zur Vernichtung der Natur geht” – dieser Satz aus Vandana Shivas Eröffnungsrede auf dem Attac-Wachstumskongress in Berlin hat in seiner weiteren Ausführung den Blick auf die Themen gerichtet, die mit diesem zunächst abstrakt wirkenden Titel “Jenseits des Wachstums” in Zusammenhang stehen. Sie illustrierte z.B. anhand ihrer Erfahrungen in der Chipco-Bewegung den Unsinn, dass ein gefällter Baum in den Wachstums-Bilanzen auftaucht, während die Bedeutung eines lebendigen Baumes in dieser Perspektive nicht erfasst wird.
    Der Kongress bot viele verschiedene Facetten, wobei für mich einerseits bedeutsam war, dass die Kritik an den ausbeuterischen Folgen unserer Wirtschafts-Unordnung notwendig mit einer tieferen Kritik der Wirtschafts-, Eigentums- und Produktionsstrukturen verbunden sein muss.
    Außerdem wurde in vielen Veranstaltungen klar, wie stark unsere Gedanken und Gefühle von dem Wachstumszwang beeinflusst werden (Beschleunigung, Konkurrenz, etc.) und wie wichtig es daher ist, alternative Welten denken und erträumen zu können. Hier sehe ich u.a. ein wichtiges Betätigungsfeld von Theologie.

  2. Der postkoloniale Theoretiker Ramón Grosfoguel aus Puerto Rico wies in einem panel über Marx und (Post-)Kolonialismus prägnant auf blinde Flecke in unserer Theorie- und Praxisbildung hin. Ausgehend von Fanon, gebrauchte er dessen epistemische Einteilung in eine Zone des Seins und eine Zone des Nicht-Seins (zone of being and non-being). In der Zone des Seins funktioniert die Wissensproduktion mit einer rassistischen und sexistischen Epistemologie. Das, was in der Zone des Nicht-Seins gedacht und geschaffen wird, wird in der Zone des Seins gemeinhin ignoriert oder muss permanent den Erweis erbringen, (auch für die Zone des Seins) relevant zu sein. Interessant war, dass Grosfoguel, die beiden Zonen durchaus nicht unmittelbar auf den “Norden/Westen” und den “Süden” übertrug. Es geht nicht darum, beide Größen zu einem homogenen Monolith zu machen. Die Zonen sind geographisch beweglich und veränderbar.
    Es ist entscheidend, von wo aus jemand spricht. Auch Marx hat von der Zone des Seins aus gesprochen. Damit bleibt seine Theoriebildung (auf westliche, weiße Männer) begrenzt, auch er habe vorhandene kritische Stimmen aus dem Süden nicht rezipiert. Es ist notwendig, auch Marx zu dekolonialisieren, sodass das kritische Denken von der “underside of modernity” ans Licht treten kann. Ziel sei eine Epistemologie der Diversität aus der Perspektive der Zone des Nicht-Seins. Diese Zone kritisiert ein kapitalistisch-patriarchales-christo- und westzentrisches Welt-System. Die zapatistas sagten: Wir sind gleich, weil wir unterschiedlich sind. Epistemische Differenz anzuerkennen, bedeutet Befreiung von einer Gleichheit, die Anpassung von anderen an das Eigene fordert.

    Parallelen zur Befreiungstheologie ergeben sich viele. Gutiérrez kritisterte an moderner Theologie, dass sie sich auf die Problematik Glauben versus Nicht-Glauben verengte. In Lateinamerika herrsche die Problematik vor, dass es Nicht-Personen (nobodies) gab und gibt. Menschen, die von allem ausgeschlossen werden und nicht einmal den Status einer Person haben.

  3. Meine Eindrücke vom Rethinking-Marx-Kongress kommen ein klitzeklein wenig verspätet …

    Das erste Panel hat einen gemischten Eindruck bei mir hinterlassen: Es war geschlechterparitätisch besetzt, aber die Panelist_innen redeten zu ziemlich unterschiedlichen Themen. Das machte ein wenig den Eindruck, als hätte man sich zwischen Geschlechterparität und einem inhaltlich aufeinander abgestimmten Panel entscheiden müssen.

    Gefallen hat mir vor allem der Vortrag von Wendy Brown. Als Alternative zu einer hauptsächlich ideologiekritischen Marx-Lesart schlug sie vor, Marx’ Verwendung religiöser Begriffe wie Fetisch ernst zu nehmen, und zwar in dem Sinne, dass der Charakter der Ware und des Staates (um Browns hauptsächliche Beispiele aufzugreifen) durch religiöse Kategorien nicht verschleiert, sondern durch sie erst analysier- und kritisierbar würden. So offenbart etwa der Staat, der in der bürgerlichen Gesellschaft als Entität begriffen wird, die den Individuen Freiheit verleiht, gerade durch eine religionskritische Sichtweise seinen gottähnlichen Charakter. Schade, dass daraufhin keine wirkliche Diskussion entstand, weil die anderen Referent_innen inhaltlich völlig anders gelagerte Vorträge hielten (so sprach z.B. Andrew Chitty über Anerkennung bei Hegel und Marx).

    Das Panel am folgenden Tag, das vor allem durch die Diskussion zwischen Axel Honneth und Moishe Postone geprägt war, war inhaltlich kohärenter und kontroverser. Da der Kongress von Leuten aus Honneths Umfeld organisiert war, stellte Postone gewissermaßen die einsame Opposition dar.

    Honneth plädierte wenig überraschend für eine historisierende, sozialgeschichtliche Lesart des Kapitalismus, die vor allem die Normen herausarbeiten müsse, nach denen die Akteur_innen der verschiedenen historischen Formationen handeln. Diese Vorgehensweise ermögliche Interventionen durch soziale Bewegungen, Gewerkschaften etc. Postone hielt dem entgegen, dass der Kapitalismus natürlich eine historisch kontingente Erscheinung sei, durch sein ihm inhärentes Streben nach weltweiter Ausbreitung aber eine fast schon teleologische Dynamik entwickelt habe. Das Insistieren auf einzelne Normenprobleme (wie soziale Sicherheit im oder Freiheit gegenüber dem Kapitalismus) in den jeweiligen historischen Entwicklungsstufen habe immer nur eine Transformation des Kapitalismus bewirkt, aber nie seine Überwindung. Postone plädierte deshalb für eine umfassende Kapitalismustheorie auf relativ hohem Abstraktionsniveau, die es ermöglichen soll, den Kapitalismus auch über seine historischen Entwicklungsstufen hinaus (sozusagen als Gesamtscheiße) zu kritisieren.

    Nervig waren die Diskussionsbeiträge aus dem Publikum: Ausschließlich von Männern stammend, manchmal nicht wesentlich kürzer als die Vorträge selbst. Checkertum ohne Ende. Sehr schön dagegen Bini Adamczaks abendliche Lesung aus ihrem Kommunismus-für-Kinder-Buch.

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