Bericht von der Public Theology Tagung, Bamberg

Vom 23.-25.6.2011 fand in Bamberg eine Konferenz unter dem Titel „Contextuality and Intercontextuality in Public Theology“. Organisiert wurde es vom Dietrich Bonhoeffer Zentrum für Öffentliche Theologie, das vom Bamberger Professor Heinrich Bedford-Strohm geleitet wird, sowie vom Global Network for Public Theology, das sich 2007 als Vernetzung von verschiedenen Instituten u.a. in den USA, Südafrika, Australien, Brasilien und Europa gegründet hat.

Die Bamberger Konferenz kann als ein Schritt auf dem Weg der Selbstfindung dieses Netzwerks angesehen werden, da die Frage danach, was denn Öffentliche Theologie / Public Theology (PT) eigentlich sei, dauernd mitdiskutiert wurde und fast mehr Raum einnahm als die Diskussion um Kontextualität und Interkontextualität.

Da im Rahmen des PT-Diskurses des Öfteren Bezugnahmen auf Befreiungstheologie vorgenommen wurden, nahmen Paul Schock und ich (Bernhard Offenberger) an dieser Konferenz teil, um uns ein klareres Bild davon zu machen.
Im Folgenden ein subjektiver Bericht, der zugleich kontrastierend ein eigenes Verständnis von Befreiungstheologie erarbeitet.

Analyse: Was ist PT?

Ganz allgemein wird unter dem Titel PT verhandelt, wie Theologie (und Kirche) an der öffentlichen Meinungsbildung teilnehmen. Theologietreiben wird als inhärent öffentlicher Prozess verstanden.

Dabei verbergen sich unterschiedliche Konzepte unter diesem Titel, die stark von ihrer Verortung abhängen, was den Anwesenden durchaus sehr bewusst war. So wurde von den verschiedenen Narrativen über PT oder von einem Teilnehmer auch von PT als „Diskurs-Überschrift mit leicht programmatischem Charakter“ gesprochen.

Ganz grob könnten vielleicht die Ansätze aus Südafrika und Brasilien, die sich stärker in gewisser Kontinuität zu Befreiungstheologien (Black Theology, prophet. Theology, etc.) sehen, von den nord-amerikanischen, europäischen und australischen Ansätzen unterschieden werden, die stärker „klassisch“ sozialethisch und in Bezugnahme einer öffentlichen Verantwortung von Kirchen und Theologie, wie sie z.B. in den Kammern der EKD wahrgenommen wird, aufgebaut ist. Freilich sind weitere Differenzierungen möglich.

Gemeinsamkeiten der verschiedenen Positionen sind, soweit ich das wahrnehmen konnte:

–         die Prämisse (und Affirmation) einer pluralistischen, säkular verfassten und demokratischen Gesellschaft

–         der Bezug auf liberale philosophische Konzepte, u.a. Habermas, Rawls, Amartya Sen

–         die Beteiligung an öffentlichen Prozessen der Meinungsbildung, sowie an den Mechanismen der verfassten Demokratie

–         der Fokus auf die verfassten Erscheinungsformen von Kirche (kirchliche Gremien und Hierarchien, theologische Fakultäten und Institute)

Ich persönliche sehe verschiedene Punkte, die PT und Befreiungstheologie trennen. Zugleich denke ich, dass die Auseinandersetzung mit diesem Diskurs auch für befreiungstheologisches Arbeiten bereichernd sein kann, weshalb ich für eine differenzierte Positionierung gegenüber dieser Richtung plädiere. Dies versuche ich im Folgenden darzulegen (wobei es nicht zu vermeiden sein wird, beides zu einem gewissen Grad zu vereinheitlichen).

Was trennt m.E. Befreiungstheologie von Öffentlicher Theologie?

  • Analyse

In recht grundlegender Weise habe ich den Eindruck, dass beiden Richtungen eine unterschiedliche Analyse zu Grunde liegt, der auch mit den soziologisch-philosophischen Referenzpunkten zu tun hat. Die Analyse von Politik bewegt sich in den Institutionen der liberalen Demokratie und in einem Verständnis von Öffentlichkeit, das davon ausgeht, dass alle an den öffentlichen Entscheidungen teilnehmen können. Die Auseinandersetzung mit Macht innerhalb des Systems sowie mit den Ausschlussmechanismen des Systems selbst schien nicht ein zentrales Anliegen zu sein. Durch die Konzentration auf politische Prozesse im nationalen Rahmen waren zumindest bei der Tagung Fragen, die die nationalen Grenzen überschreiten (oder gerade an den Grenzen stattfinden), nicht im Blick.

Befreiungstheologie sucht m.E. dagegen nach emanzipatorischen und bewusst situierten Arten der Analyse, wie sie z.B. in marxistischen, postkolonialen, feministischen, rassismus-kritischen, etc. Theorien sichtbar werden. Vor allem die selbstkritische Befragung der eigenen Verstricktheit ist mir dabei wichtig.

  • „Kirche“

Die Analyse spiegelt sich im Bild von Kirche, das auf der Tagung vor allem auf die institutionalisierten Formen von Kirche, auch auf hierarchischer Ebene abzielte.

Kirche als Volk Gottes, „Kirche“ als theologische Größe, die auch in Basisbewegungen, Befreiungskämpfen, etc. in Erscheinung tritt, ist freilich nicht im Blick.

  • Kontext

Mit der Analyse in Zusammenhang steht die Verwendung von „Kontext“, was angesichts des Tagungsthemas eine zentrale Stellung hatte.

Ich verstehe Kontextualität im befreiungstheologischen Sinn, dass einerseits die eigene Positioniertheit wahrgenommen wird (was auf der Tagung gar keine Rolle gespielt hat) und was dazu führen kann, die eigenen Privilegien zu erkennen und zu hinterfragen, und damit auch  die Positioniertheit der eigenen Theologie kritisch zu beleuchten. Damit zusammen hängt auch die Beteiligung an sozialen Kämpfen und Bewegungen, die als Rahmen des Theologietreibens erkannt werden (→ Parteilichkeit). Andererseits dient der Kontextbezug m.E. dazu, die Machtstrukturen auf lokaler, nationaler wie internationaler Ebene zu analysieren und nach transformativen Strategien darin zu fragen. Demgegenüber schien mir der Kontextbegriff, der auf der Tagung verwendet wurde, mehr dafür zu dienen, um verschiedene Konstellationen von Kirche, Theologie und Gesellschaft zu analysieren und wiederum Herr des Kontexts zu werden, d.h. eine scheinbar universale Theorie / Theologie zu produzieren, die Anwendung in unterschiedlichen Situationen finden kann, aber nicht von vornherein ihre Prägung anerkennt.

Im Gegenteil hatte ich das Gefühl, dass gerade durch das Verständnis von Kontext die Exklusion verstärkt wurde: PT sieht ihre Stellung im „Kontext“ säkularer Demokratie, so dass auch nur Theologien im Rahmen „funktionierender“ Demokratien als Gesprächspartnerinnen angesehen werden. Dies spiegelte sich auch in der Zusammensetzung der TagungsteilnehmerInnen wider: mit Ausnahme eines Inders, der zudem meiner Wahrnehmung nach kaum diskursfähig (quasi subaltern im Rahmen dieser Tagung) war (was aber nicht an ihm lag), waren ausschließlich weiße Eliten anwesend. Eine kritische Reflexion darüber vermisste ich. Stattdessen wurde den nicht-westlichen Ländern eine Befreiungs-theologie oder kontextuelle Theologie genehmigt, was aber gerade dazu führte, dass der Ausschluss verstärkt wurde, und der gemeinsame Kontext der ungleichen internationalen Beziehungen ausgeblendet wurde.

Unter Interkontextualität wurden stattdessen nur theoretische / theologische Gemeinsamkeiten hervorgehoben, jedoch nicht auf die Analyse globaler Kontexte eingegangen.

Und auch wenn auf Begriffe wie „Option für die Armen“ oder auf „Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ Bezug genommen wurde, hatte ich nicht das Gefühl, dass das liberale Schema „objektiver“ Theologie gesprengt wird.

  • Formen der Artikulation

Das Verhältnis PT und Befreiungstheologie wurde auch auf der Tagung kurz thematisiert, wo gerade das Anerkennen des demokratischen (und kapitalistischen) Systems als Voraussetzung für PT bezeichnet wurde, wogegen die „konfrontative“ Befreiungstheologie als zu wenig konstruktiv (zumindest für demokratische Gesellschaften) angesehen wurde.

Hier empfand ich einen gewissen Reduktionismus gegenüber Befreiungstheologien, die im Bereich der PT verbreiteter zu sein scheint: Sie werden reduziert auf eine Geschichte (Exodus) und eine Redeform (prophetisch-konfrontativer Modus); damit werden die vielfältigen Formen, Geschichten und Weiterentwicklungen, die sich konstruktiv mit BTh auseinandersetzen, übersehen. Befreiungstheologie wird reduziert auf einen „Inhalt“, die Herausforderungen der radikalen methodischen Neukonfiguration von Theologie (→ Überschreitung der Fächergrenzen; hermeneutische Wenden, etc.) wird übergangen. Die konstruktive Arbeit (in Gemeinschaften, Bewegungen, Projekten, bis hin zu Gesetzgebungen) wird nicht gesehen. Und schließlich wird nicht ihre Marginalisierung verstanden, die oft zu einer Protesthaltung führt. Dadurch die Marginalisierung, die ähnlich bei Feministischer Theologie sichtbar ist, reproduziert.

Als Unterschied wurde im Weiteren herausgestellt, dass Befreiungstheologie vor allem im prophetischen Modus und im Protest operiert, während PT verschiedene Modi der Sprache und der öffentlichen Beteiligung, je nach gesellschaftlicher Situation und Wirkabsicht gebrauche.

Dieser Punkt wirft m.E. verschiedene Fragen und Anregungen auf:

Zunächst die Rückfrage an PT, ob die Systemkonformität, die dann zu einer „konstruktiven“ Haltung führt, wirklich haltbar ist, und ob sie nicht durch Ausblenden vieler Faktoren erkauft ist (s.o.). Andererseits aber auch die Herausforderung an uns, uns über unsere Sprachformen klar zu werden.

→ Kann es eine Form geben, die die (systemkritischere befreiungstheologische) Analyse teilt, aber aus strategischen Gründen eine Sprache wählt, die „allgemeinverträglicher“ ist, die auch von liberalen TheologInnen verstanden werden kann?

→ Wie können wir für verschiedene Strategien verschiedene Ausdrucksformen einsetzen?

→ Wie schaffen wir es, nicht als konfrontativ-destruktiv abgetan zu werden, ohne die prophetische Stimme zu verlieren?

In der Darstellungen verschiedener Modi theologischer Artikulation mithilfe des dreifachen Amtes Christi (König bzw. königl. Diener – Priester – Prophet), fand ich eine ganz schöne Reflexionsform dieser komplementären Aspekte.

Anknüpfungspunkte / Chancen

Ich denke, dass meine zurückhaltende Position gegenüber PT klar geworden ist. Dennoch sehe ich auch einige Chancen in der Auseinandersetzung mit diesem Forum.

Zunächst handelt es sich hier um Mainstream-TheologInnen, die überhaupt sozialethische / politische Themen behandeln, wodurch thematische Anknüpfungspunkte entstehen. Dadurch wird der Raum geöffnet, um überhaupt unsere Themen in einen breiteren Diskurs einzubringen (wenn auch zugleich die Gefahr besteht, dass diese Themen dann von ihnen besetzt werden).

Es herrscht dort eine allgemeine Offenheit gegenüber Befreiungstheologien sowie ein Bewusstsein über die Notwendigkeit prophetischer Rede; an dieses kann angesetzt und auch appelliert werden.

Einige der Reflexionen, z.B. über die Modi der theologischen Rede, oder theologische Reflexionen über Christologie, Kenosis, o.ä. könnten wertvoll für uns sein.

Über die Figur des „historischen Projekts“, die v.a. von José Miguez Bonino und Ivan Petrella vertreten wird, und die eine „konstruktive“ Dimension befreiungstheologischer Arbeit beinhaltet, kann ein Austausch stattfinden.

Daher plädiere ich für eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Gruppe, die zwar nicht ohne Gefahren, aber sicher auch nicht ohne Chancen sein kann.

In diesem Sinne wäre es m.E. interessant, eine Art Kontakt-Positionspapier zu entwickeln, und den weiteren Austausch zu suchen.

Darin könnten ihnen „befreiungstheologische Standards“ nahegelegt werden (z.B. was Analyse und Selbstreflexion betrifft), die Gefahr, dass Befreiungstheologien auf ein Stereotyp verengt werden und aus Diskursen ausgeschlossen werden (s.o.), thematisiert werden, und für Solidarität geworben werden.

Rückfragen an uns

Neben oben angesprochener Reflexion über die Redeformen, wirft die Beschäftigung mit PT für mich verschiedene Fragen auf:

–         Wie bewerten wir die demokratische Verfassung, die pluralistische Gesellschaft und welche Rolle nehmen wir darin ein?

–         Welche eigenen Begrenzungen geben wir uns selbst (und erwarten so etwas auch von anderen TeilnehmerInnen im demokratischen Prozess)?

–         Wo denken wir in binären Strukturen (gut – böse)?

–         Im Kontext-Begriff der PT habe ich keine Selbstreflexion gesehen, sondern mehr eine distanzierte Analyse zur Beherrschbarmachung des „Kontexts“: gibt es ähnliche Mechanismen bei uns, dass wir uns als Theologie treibende Subjekte unsichtbar machen, dass wir uns durch „neutrale“ Begriffe absichern wollen;

–         Welche Ausgrenzungen vollziehen wir; wie bewusst geschieht das?

–         Halten wir unsere eigenen Ansprüche im Bezug auf Verortung, auf tatsächliches Einlassen auf den Kontext, auf die Option, auf unsere Praxis?

Das soll erst einmal reichen.

Ich bin gespannt auf Reaktionen, auf evtl. andere Erfahrungen mit PT, auf konstruktiver Kritik an meinem Verständnis von Befreiungstheologie, etc.