“Damit ihr Hoffnung habt” – Bericht vom 2. Ökumenischen Kirchentag in München vom 12. bis 16. Mai 2010

„Damit ihr Hoffnung habt“
Aber Hoffnung auf was: Hoffnung darauf, dass dieses Mal ein gemeinsames Abendmahl zwischen Protestanten und Katholiken gefeiert wird; Hoffnung, dass endlich auch Frauen in der katholischen Kirche zu Priesterinnen ordiniert werden dürfen; Hoffnung auf Reformen in der Kirchenstruktur der beiden großen Konfessionen oder Hoffnung auf ein liberales, tolerantes und modernes Christentum, dass für Soziale Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung eintritt und sich mit den Ärmsten dieser Welt solidarisiert. Viele Christinnen und Christen fragten sich im Vorfeld des ÖKT, was der Kirchentag in der ökumenischen Landschaft positives verändern kann. Wird er die Erneuerung der Einheit der weltweiten Christenheit voranbringen? Wie wird die Kirche auf die Herausforderungen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise reagieren oder wie wird es mit dem Christentum weitergehen aufgrund der aktuellen Enthüllungen von sexuellen Missbrauchsfällen besonders in katholischen Einrichtungen, die v. a. die katholische Kirche in eine schwere Vertrauens- und Kirchenkrise gestürzt haben und als Folge dessen viele Menschen aus der Kirche ausgetreten sind? Diese und viele andere Fragestellungen und Themen wurden innerhalb dieser fünf Tage in Foren, Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Gottesdiensten in vielfältiger Weise erörtert und diskutiert. Von Donnerstag bis Samstag wurden Morgen-, Abend- und Nachtgebete, Bibelarbeiten und ein thematisches, kulturelles Programm auf der „Agora“ angeboten.
Hier gab es folgende Themenbereiche: 1. Verantwortlich handeln – Christsein in der einen Welt; 2. Miteinander leben – Christsein in der offenen Gesellschaft; 3. Suchen und finden – Christsein und die vielfältigen Orientierungen; 4. Glauben leben – Christsein in der Vielfalt der Kirchen.
Des Weiteren wurden jeden Tag Gottesdienste (Bsp. Taizé-Gottesdienst und die Orthodoxe Vesper am Freitagabend oder der Oscar Romero-Gottesdienst und die Feier zu Christi Himmelfahrt am Donnerstagabend) gefeiert und Gebete zu verschiedenen Tageszeiten über verschiedene Themen angeboten. Insgesamt gab es rund 3000 Einzelveranstaltungen. Nachzulesen in einem ca. 720-seitigen Programm- und Begleitbuch.

Im Folgenden möchte ich einige Veranstaltungen und Highlights vorstellen:
Die ehemalige Rektorin der Augustana-Hochschule Prof. Dr. Renate Jost hatte am Donnerstag, den 13. Mai, im Frauenzentrum die theologische Einstimmung für die Veranstaltungsreihe “Frauen und Macht – Ermächtigung – Frauen mit Macht” übernommen. Außerdem moderierte Professorin Dr. Jost am gleichen Abend die Vorführung des Films “Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen” mit anschließender Diskussion. Der Vortrag von Frau Professorin Dr. Renate Jost ist neben Beiträgen von Frau Renate Göring-Eckardt, Frau Dr. Margot Käßmann und Herrn Prof. Ernst Ulrich von Weizsäcker in einer Sammlung ausgewählter Beiträge in der epd-Dokumentation 23-24 (2010) erschienen.

Professorin Dr. Gury Schneider-Ludorff hielt am Samstag, den 15. Mai, im Rahmen des 11. Kirchentags-Symposiums zur Zeitgeschichte: ‘Die Kirchen und die Verbrechen im nationalsozialistischen Staat des Kirchentages’ einen Vortrag mit dem Titel: “Verdrängen und Bekennen: Vom schwierigen Umgang der evangelischen Kirche mit der “Schuld” nach 1945″. Neu erschienen ist der Tagungsband Spielräume des Handelns und der Erinnerung. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus, herausgegeben von Berndt Hamm, Harry Oelke, Gury Schneider-Ludorff. Aus diesem Anlass fand am Samstag, 15. Mai, im Rahmen des Kirchentages nachmittags gemeinsam mit dem Landesbischof Dr. Johannes Friedrich und den Herausgeber/innen eine Buchvorstellung statt. Am selben Tag hielt Privatdozent Dr. Christian Eyselein im Zentrum “Zukunft der Kirche vor Ort” das Eingangsstatement zum Thema “Integration war gestern. Menschen aus der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten GUS in der Gemeinde”.

Menschenkette und orange Bänder für die „Gemeinsame Mahlfeier“
Die von der KirchenVolksBewegung Wir sind Kirche in Zusammenarbeit mit anderen Reformgruppen organisierte Menschenkette, bei der am Samstagabend – kurz vor den konfessionellen Gottesdiensten, auf denen die römisch-katholische Seite bestanden hatte – mehrere Tausend Menschen die beiden Münchner Bischofskirchen verbanden, und die vieltausendfach verteilten orangen Bänder mit der Aufschrift „Gemeinsame Mahlfeier“ waren der sichtbarste Ausdruck für die ökumenische Ungeduld. Auf Zustimmung bis ins ÖKT-Präsidium hinein stieß die gemeinsame Erklärung der Reformgruppen zum 2. ÖKT „Ökumene, die wir schon leben“, zu der Prof. Hans Küng schrieb: „Es ist hocherfreulich, dass Ihre Reformbewegungen gemeinsam in der Öffentlichkeit auftreten. Ich bin voll und ganz einverstanden“.

Gedächtnismahl „Gebt ihr ihnen zu essen“
Mit dem vom AK Ökumene der Reformgruppen gestalteten Gedächtnismahl „Gebt ihr ihnen zu essen“ wurde am Freitagabend, außerhalb des ÖKT-Programms, eine ökumenische Mahlfeier nach dem Evangeliumstext von der Speisung der Vielen (Mt. 14,13-21) ohne Priester oder PfarrerIn in der vollen St. Maximilian-Kirche gefeiert. Der Gottesdienst bot in Anlehnung an die Brotvermehrung im Matthäus-Evangelium eine lebendige liturgische Alternative, sowohl für „klerikerlose“ als auch für ökumenische Mahlfeiern. Auch um diesen Gottesdienst hatte es intensive Verhandlungen mit der Kirchentagsleitung gegeben, da eine Wiederholung der Gethsemane-Gottesdienste am Rande des 1. ÖKT in Berlin befürchtet wurde. Die Situation in unseren Gemeinden hat sich in den letzten Jahren sehr verändert, neue Formen des Gottesdienstes sind notwendig. Diese von Laien geleitete, ökumenische Mahlfeier hat einen liturgischen Weg aufgewiesen, wie Gemeinden – ob konfessionell getrennt oder ökumenisch vereint – im Gedächtnis an Jesus und seine Mahlgemeinschaften zum Erhalt und zur Stärkung ihrer Gemeinschaft Mahl feiern können: ein Mahl, das den Hunger nach dem Miteinander mit Gott und den Menschen stillt und keine Grenzen durch Konfession, Geschlecht oder Amt kennt. Der Gottesdienst erinnerte auch daran, dass Jesus nicht nur mit seinen engsten Freunden und Freundinnen sein letztes Mahl gehalten hat, sondern viele Mähler mit Sünderinnen und Sündern, mit Männern, Frauen und Kindern gefeiert hat. Theologisch gesehen, gibt es keinen Grund sich gegenseitig vom Abendmahl auszuschließen, denn in den meisten Basisgemeinden ist dies schon längst zum Alltag geworden, dass man sich gegenseitig zum Abendmahl einlädt.
Noch erwähnenswert ist, dass der suspendierte Prof. Dr. Gotthold Hasenhüttl gemeinsam mit dem pensionierten evangelischen Pastor Eberhard Braun und 400 Gläubigen unter dem Leitwort „Abendmahl-Gemeinschaft ist das Gebot Jesu Christi“ einen eindrucksvollen ökumenischen Abendmahlsgottesdienst nach der Lima-Liturgie feierte. Diese Feier fand in der Technischen Hochschule stattfand, die leider nicht in das reguläre ÖKT-Programm aufgenommen wurde.

„Nachfragen an den Platz von Frauen in der Kirche“
Als Vertreterin von Maria von Magdala und der zur KirchenVolksBewegung gehörenden Aktion „Lila Stola“ stellte Angelika Fromm am Donnerstagmittag im Frauenzentrum in ihrem Impulsreferat die Bedeutung der Frauen und ihrer Ämter in der frühen Kirche heraus und forderte, was damals Praxis war, sollte auch in der römisch-katholischen Kirche möglich werden. Die beiden Pfarrerinnen Dr. Brigitte Enzner-Probst (evangelisch) und Henriette Crüwell (alt-katholisch) brachten ihre positiven Erfahrungen im Amt ein. Die griechisch-orthodoxe Theologin Katarina Karkala Zorba stellte die Bemühungen der Orthodoxie um eine Wiederbelebung des Diakonates für Frauen heraus. Dr. Irmgard Kampmann ermutigte alle Katholikinnen, eigene neue Wege zu gehen. Vorbereitet war das Forum von den Gruppen Maria von Magdala – Gleichberechtigung für Frauen in der Kirche, ÖFCFE und Aktion „Lila Stola“, die sich für die Frauenordination einsetzt und Frauen als Diakoninnen ausbildet. Bei dieser Veranstaltung wurde ganz klar deutlich, dass die Kirche die Frauen braucht und es bitter nötig wäre, auch Frauen zu Priesterinnen zu weihen. Solange dies nicht geschieht verkommt die Kirche zu einem fundamentalistisch-geschlossenen System, das sich der Welt und den gläubigen Christen/ Christinnen nicht mehr öffnet. Die Kirche hat einen halben Leib, der krank ist. Dieser Leib kann nur dann gesund werden, wenn Frauen und Männer gleichberechtigt die Frohe Botschaft von Jesus verkünden, uneingeschränkt eine Gemeinde leiten und Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen können. Damit wir Hoffnung haben auf einen ganzheitlichen gesunden Leib der Christenheit. Wir brauchen eine bunte Vielfalt von zivilem Ungehorsam, denn das Patriarchat der Kirche ist vorbei. Natürlich kann man das Papsttum nicht abschaffen, auch wenn das die beste Lösung aller Lösungen wäre, sondern man sollte eher die Ämterstrukturen so verändern und erneuern, dass auch Frauen ihren Platz darin finden können und in höhere Leitungsämter gefördert und unterstützt werden können. Auch Jesus hatte damals Jüngerinnen an seiner Seite gehabt und Paulus hatte ebenso auch Frauen als Missionarinnen ausgesandt.

Fazit: Aufbruch oder Zusammenbruch in der Ökumene?
Nicht nur am schlechten Wetter kann es gelegen haben, dass der 2. ÖKT nicht die Hoffnung und Aufbruchsstimmung verbreitet hat, die das für die derzeitige Situation eigentlich so passende Leitwort „Damit Ihr Hoffnung habt“ versprochen hatte. In diesen fünf Tagen hat es nur geregnet, was wiederum gut zur negativen, resignativen Stimmung in der Ökumene gepasst hat, vielleicht hat Gott seine Finger im Spiel gehabt. Wer weiß? Während die Erwartungen des „ersten Mals“ den Berliner ÖKT noch zu einem vielbeachteten Ereignis machten, konnte der Münchner ÖKT nach ohnehin sieben mageren Jahren in der Ökumene keine (neuen) Visionen und nicht einmal weiterführende Kontroversen bieten; auf den großen Podien fehlten die Positionen von Reformgruppen, die eigentlich etwas zu sagen gehabt hätten.. Dies schlug sich auch in den Teilnehmerzahlen nieder. Da konnte man den Eindruck bekommen, dass der ÖKT nur eine Show der Mächtigen aus der Kirche war, die sich nicht nach den Anliegen der Teilnehmenden gerichtet haben und die desaströse Situation ihrer Kirche schöngeredet haben. Jedoch hat es sich gelohnt zum Kirchentag zu fahren, um damit aufzuzeigen, dass die Ökumene jeden und jede etwas angehen sollte.

Ausblick:
Nach diesem ÖKT bleibt allerdings die Frage: Wie soll es mit der Ökumene weitergehen und was ist aus dieser Hoffnung geworden? Klar ist, dass wir dies nicht den Kirchenleitungen überlassen dürfen, da sie eher die Trennung der Christenheit suchen statt sie zu fördern. Sondern der Druck oder der Ruf nach Veränderungen bzw. nach Reformen sollten von unten, vom Kirchenvolk, von den Basisgemeinden kommen. Dies zeigt in ernüchternder Weise, dass die Kluft zwischen oben und unten immer größer wird und dieser Zustand den Kirchen nur Schaden zufügt und den christlichen Glauben nicht mehr attraktiv und letztlich das Christentum unglaubwürdig macht. Gerade die Trennung am Tisch des Herrn und v. a. das Priesterinnenverbot schadet der Glaubwürdigkeit der Kirchen und ist für viele Menschen schon lange nicht mehr nachvollziehbar.
Auf diesem ÖKT haben die Menschen Bestärkung und Halt in ihrem Glauben gesucht, miteinander gesungen, getanzt, gebetet und gelacht. Bedauerlich ist, dass nicht alle brennenden Themen und Fragen zur Ökumene ins ÖKT-Programm aufgenommen wurden. Jedoch sind die meisten Reformgruppen mit ihren in Eigenregie durchgeführten Veranstaltungen auf ein breites interessiertes Publikum gestoßen. Von Anfang an war es Wir sind Kirche wichtig, dass sich der 2. ÖKT nicht nur auf das gemeinsame Engagement in der Gesellschaft beschränken, sondern auch die konkrete Ökumene gerade mit den Kirchen der Reformation spürbar voranbringen sollte. So sehr die Kirchenleitungen es immer wieder klein reden wollen, die Abendmahlfrage blieb und bleibt ganz oben auf der Agenda. Aber zumindest haben die Kirchenleitungen gemerkt, dass sie das Kirchenvolk nicht mehr nur mit ökumenischen Wortgottesdiensten vertrösten können. Deswegen muss Ökumene mehr sein als nur friedliche Koexistenz der Konfessionen. Wir alle sind mündige, aufgeklärte Christinnen und Christen, die sich nicht mehr von oben vorschreiben lassen wollen, wie sie zu glauben, zu leben oder zu handeln haben. Stattdessen bräuchte man eine Ökumene, in der ein echtes authentisches Christsein gelebt wird, das sich der Welt mit ihren Problemen und Herausforderungen öffnet. Eine Ökumene, die jeden einzelnen Menschen mit seiner Würde annimmt, dessen Gaben fördert und sie bzw. ihn im Glauben Halt gibt. Deswegen ist es unentbehrlich, dass die Kirchenmitglieder in ihren jeweiligen Gemeinden auftreten und sich für eine andere, gerechtere, bessere und menschenfreundlichere Kirche engagieren. Aus der Kirche auszutreten wäre die allerschlechteste Lösung. Genauso wichtig wäre ein dritter ÖKT, der spätestens im Lutherjahr 2017 stattfinden sollte. Dabei sollten dann aber auch alle Reformkräfte von Anfang an mit einbezogen werden. In der Zwischenzeit sollte es – neben den bereits fest verplanten Katholikentagen und evangelischen Kirchentagen, die alle noch viel ökumenischer werden müssen – auch viele kleine lokale und regionale Ökumenetage geben, die von örtlichen Initiativen des Kirchenvolkes veranstaltet werden können. Damit wir Hoffnung haben.