Option für die Armen, Klassenverrat, Solidarität

Thesen von Bernhard nach der Sommerschule 2011 in Münster:

Mir gehen nach der Sommerschule in Münster noch viele Gedanken durch den Kopf, die mit Workshops, Gespräche und Situationen zu tun haben, und ich versuche gerade sie zu artikulieren:

Meine Eckpunkte sind:

  • die Anfrage an die Gruppe: wie gehen wir mit Betroffenen um (z.B. in der Diskussion über Hartz IV)
  • Gedanken aus dem WS Marx-Dekonstruktion über Solidarität und die Ausrichtung dekonstruktiver Ansätze in ein emanzipatorisches Projekt
  • ein Gespräch mit Philipp über Klassenverrat und die Schwierigkeiten aufgrund von komplexeren Gesellschaftsanalysen.
  • Manuels Überlegungen zu „den Armen“ in seiner Magisterarbeit

So, also meine Gedanken:

Wie können wir (1, 2) einerseits theoretisch fassen, was auf der Sommerschule so passiert ist, bzw. was wir da gemacht haben, und (3, 4, 5) Ansätze zur Überwindung der Blockaden finden?

(1)   In wiefern hat die kritische Anmerkung über unseren unbefriedigenden Umgang mit Betroffenen (konkret: in der Diskussion über Hartz IV) damit zu  tun, dass wir versucht haben, Äquivalenzketten zu erzeugen:

  1. Ansatz bei eigenen Erfahrungen: „nicht nur, wer Hartz IV bezieht, wird durch dieses System eingeschränkt; die Disziplinierung dadurch sowie die Durchregulierung, Verknappung und auch die Angst, die in Arbeits- und Studiensituationen für viele stärker wird, haben damit auch zu tun“
    → Versuch der Erzeugung einer Äquivalenzkette, die zu gemeinsamer Aktion verhelfen soll.
    → performativ haben wir das Subjekt „die Armen“ (bzw. „die von Sozialabbau betroffenen“) erzeugt, quasi als strategischen Essentialismus (?)
  2. Diese Bildung von Äquivalenzketten ist aber spätestens in der Konfrontation mit einem Betroffenen gescheitert, da er sich dieser Gleichsetzung entzogen hat und auf deren vereinnahmende / verharmlosende / nivellierende Tendenz empfindlich reagiert hat.
  3. Frage: ist es möglich, Äquivalenzketten herzustellen, die unterschiedliche Grade zulassen, die nicht zu einer Nivellierung führen?

(2)   Klassenverrat und Gesellschaftsanalyse:

  1. Im Gespräch mit Philipp meinte ich, dass so etwas wie „Klassenverrat“ oder auch „Option für die Armen“ innerhalb der Logik der 60er wesentlich einfacher war als heute, da die Konflikte in der Gesellschaft recht deutlich erschienen: Kapital vs. Arbeiterklasse, Reich vs. Arm (das ist wohl auch der Sinn des Hauptwiderspruchs).
  2. Auch in marxistischen und befreiungstheologischen Entwürfen oszilliert der Begriff der „Armen“ (bzw. der Arbeiterklasse) zwischen einer Größe, die ganz objektiv da ist, und etwas, das erst (durch Bewusstseinsbildung, etc.) geschaffen werden muss. Dass das Ganze also nicht determiniert ist, zeigt sich auch daran, dass auch Arbeiter_innen ein „falsches Bewusstsein“ haben können, sowie an der Möglichkeit des Klassenverrats
  3. These: Unsere Gesellschaftsanalyse ist heute komplexer und versucht, patriarchiale, hetero-normative, rassistische, klassistische und andere Formen von Unterdrückung nicht gegeneinander auszuspielen
  4. Die Figur der Ambivalenz gewinnt in poststrukturalistischem und postkolonialem Denken (vgl. auch Hybridität, Mimikri, etc.) an Bedeutung
  5. Die Herausforderung, so etwas wie „Klassenverrat“ oder eine „Option für die Armen“ zu formulieren und zu begehen, wird in diesem Zusammenhang ungleich komplexer, aber nicht weniger nötig.
  6. Die Frage, ob wir auch in Kategorien wie Haupwiderspruch und Nebenwiderspruch denken, ist nicht vorschnell abzuweisen: deutlich wird sie m.E. daran, wie z.B. eine kapitalismus-unkritische Frauen- oder Schwulen-bewegung (nehmen wir bspw. Merkel und Westerwelle?) zu beurteilen sind.
  7. Die Entdeckung der Ambivalenz darf nicht dazu führen, dass – zumindest vorläufig / strategisch – klare Beurteilungen gefällt werden.

(3)   Solidarität und Äquivalenzketten

  1. Wenn wir davon ausgehen, dass es keine „ursprüngliche“ oder vorgegebene Größe wie „die Armen“ etc. gibt, und wir anstreben, dass ein univerales Projekt aus den partikularen Kämpfen heraus (und nicht gegen sie, was Zizek vorzuwerfen wäre) entsteht, dann ist die große Frage die der Solidarität zwischen in sich verschiedenen Kämpfen.
  2. Ich frage mich, ob „Solidarität“ so etwas ist wie Laclaus „Äquivalenzkettenerzeugung“.
    [Hierzu ist anzumerken, dass der Laclau-Jargon nicht unbedingt eine große Verständlichkeit und somit Unterstützung ermöglicht. Besonders auch die bei Laclau wichtige Rede vom „leeren Signifikant“ hat m.E. den Beigeschmack, dass das, worum es geht, eigentlich nichtig ist. Bleiben wir also lieber bei Solidarität]
  3. Die Frage ist konkret: Wie schaffe ich es, dass Schwule solidarisch werden für die Kämpfe von Migrant_innen und Klimaflüchtlinge?
  4. Ein Lösungsansatz wäre m.E. über einen (strategischen) Essentialismus à la: Schwule erfahren Ausgrenzung und können durch diese Erfahrung empathisch und solidarisch werden mit anderen Menschen, die ausgegrenzt werden.
    Eine schwächere Variante davon wäre: Schwule werden aufgrund von Erfahrungen der Kooptation, der Gruppensolidarität wie der inneren (und von außen kommenden) Spaltung sensibel für Mechanismen der Macht, kommen dadurch zu einer Analyse von anderen Machtmechanismen und engagieren sich aufgrund dieser Erkenntnis für die Überwindung von Machtverhältnissen.
    (Ziemlich aufgeklärtes Modell…; meine Äquivalenzbildung läuft offensichtlich über den Begriff von Macht)

(4)   Wie stellen wir Solidarität her?

  1. Welche Bezüge stellen wir zwischen den verschiedenen Bereichen her, in denen wir uns engagieren?
  2. Welche Bedeutung haben für solch eine Absicht theologische Begriffe wie Reich G*ttes o.Ä.?
  3. Wie gehen wir damit um, wenn das Herstellen von Solidarität scheitert? Wahrscheinlich ist das der Normalfall, denn einerseits wird Solidarität systemisch verhindert (Frauen werden in „gute Frauen“ und „böse Feministinnen“ eingeteilt, Kolonialisierte kämpfen gegeneinander und werben um die Gunst der Kolonisator_innen, Migrant_innen werden in gut Integrierte und Integrationsverweiger_innen eingeteilt, etc.), andererseits kann Solidarität überfordernd wirken (wie soll / kann sich eine Migrantin um Atomkraft, Schwule und Hartz IV kümmern, besonders in Zeiten der Konkurrenz um mediale Aufmerksamkeit und öffentliches Mitleid), und den Impulsen vieler „partikularer“ Kämpfe entgegen stehen (wobei wieder die Ambivalenz ins Spiel kommt: „wollen“ die Frauen und Homosexuellen nicht eigentlich integriert werden in das System? „Wollen“ nicht v.a. Akademiker_innen aus sozial schwachen Verhältnissen mehr offenen Wettbewerb, Leistungsdenken und Konkurrenz? „Wollen“ nicht die Schwellenländer freien Handel?

(5)   Thesen: Option für die Armen oder „falsches Bewusstsein“

  1. Aus diesen Überlegungen stellt sich mir die Frage, wie wir einerseits klar eine „Option für die Armen“ (oder wie wir das nennen wollen) formulieren können. Denn der Standort prägt die Wissensbildung.
  2. Ambivalenz darf keine Entschuldigung dafür sein, keine klare Stellung zu beziehen.
  3. Wir müssen den Vorwürfen der „postmodernen Beliebigkeit“ entgegen treten, ohne unsere analytischen Werkzeuge über Bord zu werfen.
  4. Eine „Option für die Armen“ muss gegenüber allen Versuchen betont werden, die Theologie (wieder) zu einem neutralen, wissenschaftlichen Unterfangen machen wollen (diese Gefahr sehe ich z.B. bei Public Theology).
  5. Frage: wie können wir die „Option“ formulieren, ohne in die Fallen einer Idee von „falschem Bewusstsein“ (die eng verknüpft ist mit Konzepten der Avantgarde) zu treten?
  6. Ansätze sehe ich in der Formulierung von „oppositioneller Theologie“ sowie von radikaler Demokratie (vgl. Elisabeth Schüssler Fiorenza: radikaldemokratische Ekklesia der Frauen).

Ich glaube, damit ist erstmal alles ausgedrückt, was mir so durch den Kopf geht. Ich würde mich freuen, wenn darüber eine Diskussion entstehen kann, und diese vor allem mit unseren Erfahrungen aus Praxis und Reflexion gefüllt wird.

5 Kommentare

  1. Ich beginne mal mit einer ersten Reaktion.

    Der Vorwurf, wir würden nivellierend sein, hat mich auch betroffen gemacht. In der Tat glaube ich, dass es dabei um die Möglichkeit von Solidarität geht. So einfach ist es allerdings tatsächlich nicht zu behaupten, die Leute des Netzwerks würden grundsätzlich auf der anderen, privilegierten Seite stehen, die von Betroffenen nur aus der Zeitung hören: Einige haben selbst schon Hartz-IV-Anträge in ihrem Leben gestellt. Einige bekommen gerade Hartz IV oder leben mit Bafög o.ä. sogar unter Hartz-IV-Niveau. Einige haben im engsten Umfeld Angehörige. Diese Angehörige werden konfrontiert mit dem Zwang einen Ein-Euro-Job anzunehmen, was bedeutet, dass ihnen alles, was über 150 € hinausgeht (auch die Überstunden), gestrichen wird. Es sind z.B. junge Männer, denen besonders schnell Sanktionen auferlegt werden, weil sie noch keine Familie haben. Oder es sind russlanddeutsche Frauen, die nicht in Erwerbsloseninitiativen organisiert sind und fast nie die Stadt, in der sie leben, verlassen. So eine Stimme höre ich als Angehörige, sonst hört sie fast niemand.
    Ich möchte weiterhin daran festhalten, dass eigene politische Praxis ermöglicht, neue Wünsche, neue Utopien zu entwickeln. Durch diese Praxis, die in die Politik interveniert, wird vielleicht erst deutlich, dass nicht alles so bleiben muss, wie es ist. Es ist für mich ein zu kleiner Wunsch, eine gute Kooperation mit den Jobcentern aufzubauen.

    Die postmodernen (Wildern, Taktik), poststrukturalistischen (Parodie) und postkolonialen Konzepte (Mimikry), wie Veränderung möglich sei, machen mich bisher allerdings fast genauso skeptisch wie Zizeks Begehren nach einer marxistischen Avantgarde.
    Michel de Certeau z.B. spielt die Taktik gegen die Strategie aus. Ich bin auf Aussagen gestoßen, die in Anlehung an ihn behaupteten, dass es heute, in Zeiten des Neoliberalismus, nicht mehr möglich sei, von (Gegen-)Strategien zu sprechen. Eine seltsame Behauptung, die selbst anmutet wie ein fundamentalistischer epistemologischer Anspruch; etwas, was doch eigentlich von der Postmoderne bekämpft wird. Certeau gebraucht den Begriff des/r Konsumenten/in positiv und weist auf die Möglichkeit hin, z.B. eine Packungsbeilage nicht zu beachten oder ein Kochrezept “falsch” zu verstehen und sich deshalb nicht durch sie disziplinieren zu lassen. Dieses “Wildern” geschieht dabei eher auf unbewusster Ebene. Ein Beispiel, das er anführt, sind die Indigenen Lateinamerikas, die quasi aus Versehen Widerstand gegen die Kolonisatoren geleistet hätten, weil sie deren Sprache nicht verstanden hätten und deshalb deren Anweisungen untergruben. Ich sehe in diesem letzten Beispiel eine Fortführung kolonialen Denkens, das Indigene zu dummen Menschen macht, die nicht verstünden, was abläuft – und dabei alle sehr bewussten Kämpfe von Indigenen, die oft genug den Tod bedeutet haben, ignoriert. Solche Taktiken aus Versehen scheinen mir eher reaktionär zu sein, als die Möglichkeit zur Befreiung zu bieten.

    Insofern bin ich für die klare Option. Ich spreche dabei lieber von Option für die Unterdrückten.

    Zu Schüssler-Fiorenzas Ansatz bräuchte ich mehr Informationen.

    • Bernhard

      21. September 2011 at 09:11

      Bei Elisabeth Schüssler Fiorenza meinte ich erst mal nur die Betonung der Radikaldemokratie, die randsensibel ist, und denen Mitbestimmung ermöglicht, die Gefahr laufen, ausgeschlossen oder unterdrückt zu werden. Insofern ist das einerseits eine Utopie, andererseits eine Korrektur von elitären / avantgardistischen Ansätzen, die wiederum Herrschaft ausüben können.
      Ich sehe in der radikaldemokratischen Ekklesia der Frauen (Frauen kursiv geschrieben, als Übersetzung von wo/men, was gerade die Menschen meint, die vom dominanten, kyriarchalen System ausgeschlossen werden; vgl. dazu auch den Vortrag von ihr, den ich unter “Aufsätze” einstellen werde) einen Versuch, die Option für die Unterdrückten auszuformulieren. In wie weit das konkret wird, ist natürlich eine offene Frage.

  2. Hier ein Blogeintrag von Nicolas Panotto, der ganz gut zum Thema passt, allerdings auf Spanisch. (http://nomadismocontingente.blogspot.com/2011/07/la-dignidad-de-los-nadies.html) Es geht um den argentinischen Film “La dignidad de los nadies” – Die Würde der Niemande.
    Sehr gelungen finde ich den Satz:
    “Die Politik der konkreten historischen Subjekte, die von den sie umgebenden Bedingungen bedroht werden, stürzen diese Bedingungen durch ihr alltägliches Erleben und Solidarität in der Gemeinschaft gleichzeitig um.” (meine Übersetzung)

  3. Sehr spannende Diskussion.

    Ein bisschen abschreckend finde ich den Gedanken “Solidarität zu erzeugen” – gerade auch, weil er in meinem eigenen Denken oft genug auftaucht und es dann immer gut tut, wenn man in verbalisierter Form auf ihn stößt, um sich seiner bewusst zu werden.

    Ich denke, dass – und dabei verfolge ich die Linie, die Sabine aufzeigt, als auch Bernhard, wenn er auf radikaldemokratische Ansätze verweist – es bereits sehr viele Widerstände gibt von Seiten “der Armen” (Option “der Armen”?!?). Leider entziehen sich diese Widerstände in Sprache und Aktion manchmal der Logik und der Sprache, die man sich erarbeitet hat, um seine Welt zu ordnen. Es tun sich also Kluften auf, es entstehen Spannungen und ich will diese nicht als negativ bewerten, sondern so wie es in den radikaldemokratischen Ansätzen von Laclau und Mouffe angezeigt wird, sind genau diese Kluften und Spannungen der Motor jeder Demokratie und Identitätsbildung.
    Was also vielleicht ein Ziel und eine Taktik sein kann, ist es Räume zu bilden, in denen genau solche Spannungen und Kluften deutlich werden und sich Dynamiken entwickeln, die vielleicht als Hybridisierungs-Prozesse oder sogar Solidaritätsprozesse verstanden werden können.

    Da Nicolas Panottos Blogeintrag tatsächlich erleuchtend ist, würde ich mich anbieten, ganz zu übersetzen und ihn hier ins Forum zu stellen.

  4. philipp münster

    7. November 2011 at 16:58

    zum Blogeintrag: Ich fände es gut, wenn du den Artikel übersetzt. Vielen Dank!

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