März 2012: Verfahren gegen Atomkraftgegner_innen einstellen! Hier geht’s zum Textentwurf mit der Bitte um Feedback.

Hier ist wieder die Diskussion, die sich vor und nach dem Castor 2010 entsponnen hat, um die Hälfte gekürzt und anonymisiert. Die ungekürzte ‘Müllhalde’ ist ein Ordner in der Dropbox; für den Zugang an Simon oder Manuel wenden.

    25. Oktober 2010 um 22:13

    liebe leute.
    Langsam werde ich unruhig und sehe bei mir großen Bedarf an einem gemeinsamen Austausch über ganz konkrete Dinge. Daher fange ich mal mit einigen Fragen an.

    1. Welches Camp schlagt ihr vor?
    Da diese Camps auch jeweils mit einer Aktionsform verbunden sind, kommt vielleicht Köhlingen in Betracht? (Obwohl dies 8 km weit von den Bahngleisen entfernt ist und grade bei diesem Einkesselung- oder Räumungsgefahr besteht) Dort ist Platz für etwa 1500.

    2. Wenn wir eine Gruppe über vielleicht 15 sind, könnten wir uns bei einem der Camps anmelden. Das erleichtert deren Planung. Was denkt ihr? Wenn das erwünscht ist, könnt ich das machen.

    3. Kennt ihr Literatur/Filme über die Strahlungsgefahr bei einem Castortransport? Also wie gefährlich ist es für uns wenn wir nur wenige Meter von ihm entfernt sind? (Dass die Polizei den Castor begleitet, reicht mir als Beruhigung nicht aus. Die bekommen solch propagandafilmchen vorgesetzt dem ich nicht traue.)

    4. Ich werde mir eine genaue Karte der Gegend kaufen. Mag jemand Kopien? Ich könnte dann ein paar machen…Es gibt wohl bei den infopoints kopien, doch wurde mir in einem infoabend empfohlen eine noch stärker vergrößerte Karte mitzunehmen. Die Kopien der Infoläden seien wohl nicht so genau??

    5. Wann kommt ihr? Wer ist zuerst da? Und wie erreiche ich die/den? (ich werde voraussichtlich erst Samstag vormittag ankommen. Also kurz vor/zur Auftaktdemo. Wie finden wir uns bei der demo? (Habt ihr schon Transpis? Oder gute Sprüche?)

    6. Wer nimmt ein Handy mit? Mögt ihr die Nummer herum (oder mir) schicken? (Damit ich euch finde) Ich nehme keines mit.

    7. Wie geht es euch damit?

    liebe grüße

    26. Oktober 2010 um 12:41

    Hallo zusammen!

    Ich bin auch fürs Planen:
    1. Camp
    persönlich würde ich gern in Metzingen (2 km von den Gleisen) bleiben, da ich dort Leute kenne mit denen ich mich teils vorbereite und denen ich vertraue. Es gibt dort Platz in Scheunen, notfalls muss man zelten. Im Moment sind wir sieben Leute aus dem Netzwerk und haben mind. 1 Zelt dabei (wer kann noch eines bringen?). Wie wichtig ist Euch, dass wir vom Netzwerk alle zusammen sind? Es werden wahrscheinlich auch Leute in Nahrendorf übernachten.

    4. Die Karte “Naturpark Elbufer – Drawehn” soll gut sein, war hier gerade vergriffen (wird wohl viel nachgefragt, teils muss der Verlag nachdrucken). Ich versuche, noch eine zu besorgen, ansonsten hätte ich gerne eine Kopie.

    Auf der Demo treffen wird stressig. Vielleicht eignet sich ein Lautsprecherwagen (gut sichtbar und hörbar), wahrscheinlich wird es mehrere geben, ich versuche mal was rauszukriegen.

    6. Ich werde wahrscheinlich ein Handy mitnehmen.

    27. Oktober 2010 um 20:07

    Hallo,

    1. Wenn Metzingen nur 2 km entfernt ist, könnte das schon einfacher sein oder? Ich habe keine Ahnung, wie die Logistik ist, da ich keinerlei Erfahrung im Wendland habe. Wie legt man die 8 km denn zurück?

    6. Handy weiß noch nicht, bin zögerlich. C. meint, wenn ein Haufen von Handys angeschaltet ist, weiß man, wo eine große Versammlung ist. Es könnte auch behauptet werden, du hast dich auf den Gleisen aufgehalten.

    7. Keine Erfahrung und leider noch kein Info-/Aktionsveranstaltung. Mir würde es helfen, wenn alle Leute hier, die schonmal im Wendland demonstriert haben, von ihren Erfahrungen erzählen würden. Dann könnten wir vielleicht auch davon ausgehend Bezugsgruppen bilden. Jeweils gemischt. Oder haben alle noch nicht so viel Erfahrung?

    Liebe Grüße

    28. Oktober 2010 um 12:13

    Hola hola,

    ich klinke mich jetzt auch mal in die Diskussion hier auf der HP ein…

    Zu den bisher oben angesprochenen Punkten:
    1 ) Camp: Bei der Infoveranstaltung in München, auf der ich war, hieß es, dass die SchotterInnen eher in den Camps Metzingen und Koehlingen sind, wenn also Metzingen noch irgendwie Platz hat, dann wäre das wohl die erste Wahl, oder wenn das aber voll ist, würde ich vorschlagen, dass wir uns nach Köhlingen orientieren.. Ich denke es ist von beiden Camps aus kein Problem in den Wald und zu den Schienen zu gelangen..

    Eine Karte habe wir auch dabei, außerdem haben wir uns im Baumarkt ein bisschen eingedeckt,
    – mit BauarbeiterInnen-Handschuhen (die sind innen sogar gefüttert)
    – dann haben wir uns so eine Schutzbrille aus Plastik besorgt, das wurde uns beim Aktionstraining empfohlen, als möglicher Schutz vor Tränengas / Pfeffer..
    Für BrillenträgerInnen, bittet sich so eine Brille auch an, da mensch sie einfach darüber ziehen kann – sonst vielleicht Kontaktlinsen, aber das ist auch nicht so einfach (Tränengas – Augenauswaschen, etc..)
    – außerdem haben wir uns so kleine Gartenhacken gekauft. Wir waren in München ja auch richtig am Gleis und da hat sich gezeigt, was für ein großer Vorteil es ist, irgendein Hilfswerkzeug dabei zu haben (Besonders die Steine unter Schwelen sind extrem fest).. Das Problem dabei ist aber nur, das es rein theoretisch als unerlaubtes Hilfmittel ausgelegt werden könnte (Wir auch übrigens eine Sonnenbrille, da sie dich ja vor dem Zugriff durch Staatsgewalt, z.B. mit Tränengas, schützt, und da ist nicht erlaubt). So eine Hacke ist natürlich noch was anderes als eine Sonnenbrille, also irgendwie verstecken, etc.. Sie hilft am Gleis aber wirklich extrem weiter!!
    Wir haben zwei Stück gekauft (auch schon mit dem Hintergedanken, dass jemand von euch, vielleicht auch eine benutzen will – jeweils 10€ Kosten)
    Hier zum anschauen: http://www.amazon.de/Gardena-643132-Combisystem-Kultivator-36/dp/B0001E3VZ6

    Eine Grundfrage, die wir meiner Meinung nach aber noch klären müssten, wäre inwieweit, wir als TheologInnen-Gruppe nach außen hin auftreten wollen?

    Liebe Grüße

    28. Oktober 2010 um 15:11

    Strahlungen nahe des Castortransportes
    Der Film “uranium – is it a country” wird berichtet von einem Transporter mit Uran auf der Straße und sie messen die radioaktiven Strahlungen als sie an ihm vorbeifahren. zu dem zeitpunkt, als sie neben ihm fahren sind die werte weit mehr als 10mal so hoch, wie normal. Es gibt so eine Faustregel in Bezug auf den Castor (auch für Polizei): Bleibt man länger als eine halbe stunde neben dem castor, hat man den grenzwerte an radioaktivität überschritten, die ein mensch in einem jahr ausgesetzt werden darf. deswegen müssen die polizisten in größerem abstand laufen und auswechseln etc. gute Infos findest du auch hier: http://nukingtheclimate.com/topics/background-information/. Es wird auch betont, wie vorsichtig mensch mit der Geschwindigkeit des castorzuges und dem zog sein muss, er fährt häufig zu schnell. zwei gute Filme: http://nukingtheclimate.com/index.php/lang/de

    7. ich führe mal noch die tipps vom aktionstraining weiter, die J. schon angefangen hat:
    – warme Kleidung (so das wärmste vom wärmsten)
    – funktionsunterwäsche (geht auch ohne, aber wenn ihr so was habt, ist es sehr hilfreich, falls man nasse kleidung hat und noch lange damit laufen muss)
    – knieschützer, armschützer, ellenbogenschützer (oder auch durch eine alte aufgeschnittene isomatte oder mit zeitung) –> vorallem die knieschützer sind am gleis beim schottern echt hilfreich, das andere schützt vorallem vor gewalt. jedoch ist hier das selbe problem wie bei der sonnenbrille. Es kann einem ausgelegt werden als schutz vor notwendiger staatsgewalt.
    – erste hilfe zeug, verbandssachen
    – thermosflasche, wasserflasche
    – müsliriegel, powerfood, studifutter
    – bunte sachen zum anziehen, verrückte lustige hüte oä.
    – Bezugsgruppe von 20 leuten (die sich am Gleis nochmal dreiteilt, aber je nachdem wieviele durchkommen bis zum Gleis ist die Größe von 15/20 Leuten gut und wichtig) – aus der bezugsgruppe einen persönlichen Buddy, der einen bestmöglichst kennt
    – zum schottern direkt, dazu, wie mensch am besten polizeiketten überwindet und wo die grenzen der anderen sind, müssen wir in Marburg und am Camp sprechen denke ich

    Liebe Grüße an euch alle!!!

    28. Oktober 2010 um 23:01

    Hallo Ihr alle,

    ein Auto vor Ort zu haben kann sich auch lohnen. Z.B. kommen die Leute die Bus fahren ja in Dannenberg an und müssen noch irgendwie zu den Camps…also falls Du Dich fürs Auto entscheidest könnte das hilfreich sein.

    29. Oktober 2010 um 10:45

    Heyho,
    hab mich nochmal wegen der Camps erkundigt. Leute, die erst Fr. und Sa. ankommen werden wohl eh keinen Platz mehr in den Scheunen kriegen. Es wird aber niemand von den Camps weggeschickt, insbesondere wenn Leute kein Auto vor Ort haben.

    Hallihallo!
    Ich fasse kurz zusammen:
    wir werden 9-11 Leute sein und haben:
    1 x 2Leute-Zelt
    1x ?Leute-Zelt
    1x ?Leute-Zelt
    1x 3Leute-Zelt
    -> wie viele Leute passen in Eure Zelte? Es dürfte dann aber schon reichen.

    @Treffpunkt auf der Kundgebung: Leider konnte ich von Lautsprecherwagen nichts in Erfahrug bringen. Was es aber auf jeden Fall geben wird, sind Trecker! Vielleicht treffen wir uns einfach bei der uns am größten scheinenden Treckeransammlung?

    Liebe Grüße, freu mich auf Euch!

DANACH

    10. November 2010 um 21:25

    Liebe Leute,

    ich sehe bei mir großen Bedarf an Gewaltverarbeitung und wollte euch fragen, wie ihr damit umgeht. Körperlich gings in der Situation ziemlich gut. Erst später -back in normality- hab ich gemerkt wie emotional fertig ich bin.

    Warum ich denke, dass eine gemeinsame Bewältigung notwendig ist?:

    “Nach einer traumatischen Erfahrung befindet sich ein Mensch in einem „psychischen Schockzustand“, der mehrere Wochen anhalten kann (= akute posttraumatische Belastungsreaktion). Alles ist durcheinander, man fühlt sich betäubt, verletzt, unterliegt Stimmungsschwankungen wie z.B. unkontrolliertem Weinen, Aggressionsausbrüchen etc., mag ständig oder gar nicht über das Erlebte sprechen, hat das Gefühl, neben sich zu stehen oder die Umwelt nur noch verschwommen wahrzunehmen, kann nicht schlafen, hat Alpträume, der Körper ist massiv erregt und unter Spannung.
    Diese psychische Stressreaktion kann sich zu einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln, wenn keine Möglichkeit zur Bewältigung besteht. ”

    Vielleicht trifft ja auch bei euch manches von dem Zitat zu.
    bei mir hat leider die Repressionsstrategie der gezielten traumatisierung (um mal “private psychokacke als politisches thema” zu etablieren) funktioniert. Meine körperliche Verletzlichkeit hatte ich im Blick, die psychische nicht. sehe ich Bullen (der begriff polizei ist mir leider rausgegast und -geprügelt worden) zittere ich vor Wut (oder Angst). Leider träume ich auch von rachefantasien. Diese finde ich alles andere als befreiend, (früher dachte ich einmal rache a la dogville wäre emanzipatorisch) sondern als erneute Gewalt auch gegen mich.
    Ich frage mich nun wie mit (staatlich angeordneter, an unseren Körpern konkret gewordener) Gewalt umzugehen ist, ohne sie zu wiederholen. Wie wir sie aufbrechen können. Das fände ich befreiender.

    Denkt ihr, hier ist der Raum in dem ihr darüber reden wollt? Oder besteht kein solches Bedürfnis? Habt ihr gute Internetseiten, Tipps oder Bibelstellen dazu?

    liebe Grüße


    11. November 2010 um 22:06

    Hallo,
    weiß nicht, ob das hier der geeignete Ort dafür ist. wäre doch vielleicht schöner auch zu telefonieren.
    Bei mir waren es vor allem sehr gute Gefühle, nach dem Motto, mir kann keiner was und wir haben zusmmen was tolles gewuppt. Vielleicht tut es uns beiden gut, uns auch über eine ganz andere Ausgangslage zusammen auszutauschen.
    Freue mich auf jedenfall von dir zu hören,
    liebe Grüße

    12. November 2010 um 20:31

    Liebe alle,

    vielen Dank, dass du das Thema Trauma durch polizeiliche Gewalt angesprochen hast. Ich merke, dass mir das Thema Angst macht, wenn
    ich lese, welche Symptome möglich sind oder wie Professionelle darüber
    schreiben, wie auf der von dir angegebenen Homepage. Vielleicht weil ich
    mich teilweise darin wiedererkennen kann. Hilfreich zum Verstehen fand
    ich z.B. folgenden Teil der Homepage:

    “Angst, Kontrollverlust und Ohnmacht überfluten das Erleben.
    Neurophysiologisch befindet sich der Körper in einer massiven
    Erregungssituation, für die es kein Ventil gibt. Das Bild von sich
    selbst als Mensch mit Handlungsmöglichkeiten in einer beeinflussbaren
    Welt wird dauerhaft erschüttert. Die überwältigende Situation muss nicht
    selbst erlebt sein – auch die Ohnmacht, einem anderen Menschen nicht
    helfen zu können, kann als Trauma wirken. Es kann sogar ausreichen, sich
    mit den Erlebnissen anderer auseinanderzusetzen (= sekundäre
    Traumatisierung). Wenn sich belastende Ereignisse im Leben häufen,
    können sich diese addieren und zusammenfassend traumatisch auf die Seele
    der Betroffenen einwirken (= akkumulierte Traumata).”

    Ich glaube, dass es gut sein könnte, gemeinsam über das Geschehene zu
    reflektieren. Ich halte es nicht für ein persönliches Problem von
    einzelnen. Die individuelle Ebene ist zwar auch sehr wichtig und ich
    finde Telefonate und Treffen super. Aber ich glaube, es würde mir
    helfen, wenn Reaktionen z.B. nicht nur auf mich persönlich eingehen
    würden. Niemand möchte einzelnes Opfer sein.

    Wieder ein für mich hilfreiches Zitat der Homepage:
    “Traumatische Erfahrungen können zwar nicht verhindert werden, wir
    können uns aber dagegen wappnen, dass diese uns als Bewegung lähmen. Der
    beste Schutz vor langfristigen Folgen einer Traumatisierung ist ein
    soziales Klima, in dem selbstverständlich über Gefühle und Erlebtes
    gesprochen und im Zusammenhang politischer Aktionen kein HeldInnentum
    propagiert wird. Angst ist eine normale und verständliche Reaktion auf
    die Gewalt und Brutalität, mit der wir konfrontiert sind. In der Linken
    gilt häufig das Bild des/der unerschütterlichen Aktivisten/in. Ängste
    werden negiert oder den anderen nicht gezeigt. Reden über Gefühle, über
    Furcht, Trauer, Ohnmacht findet nicht statt – was dazu führen kann,
    traumatische Erlebnisse nicht aufarbeiten zu können. Langfristig leiden
    viele Betroffene von Polizeigewalt mehr unter den emotionalen Folgen als
    unter körperlichen Verletzungen. Eine sekundäre Traumatisierung kann
    wirken, wenn die Betroffenen mit ihren Gefühlen alleine gelassen werden,
    das Umfeld kein Verständnis hat und keine Unterstützung leistet.”

    Ich finde wichtig, darüber zu sprechen, welche Gewalt im Wendland und
    anderswo geschehen ist. Die Bilder von Stuttgart lösten bei mir ein
    Gefühl der Verzweiflung aus: Welche Monster die Bullen sind, dass sie Menschen mit ihren Wasserwerfern blind machen und ihnen hinterher noch vorwerfen, sie seien
    selber schuld, weil sie sich nicht umgedreht haben.

    Beim Schottern herrschte bei mir ein Gefühl der Ohnmacht vor. Morgens
    war es schlimm für mich, sehr nah vor einer großen Truppe von
    uniformierten schwarz Gepanzerten in den CS-Gas-Nebelschwaden zu stehen,
    zu sehen, wie sie auf knieende Menschen einschlugen, wie sie auf ihre
    Gasflaschen drückten, mit ihrem Pfefferspray direkt auf die Augen von
    uns zielten und wie sehr sie durch all das in der Übermacht waren. Es war morgens
    völlig egal, dass wir mehr waren. Die Ungeschützten waren wir. Mich hat
    das gelähmt. Ich hatte Angst.
    Nachmittags habe ich gesehen, wie eine Demonstrantin den ganzen Kopf verbunden bekam. Sie bewegte ihren Oberkörper vor und zurück und schien nicht sehen zu können. Ihr Gesicht war völlig verzerrt vor Schmerz. Sie schrie fassungslos.
    Eine Person aus meiner Gruppe war direkt neben einer Frau, die, glaube ich, starke Schläge abbekam. Er hat sich Vorwürfe gemacht, dass er ihr nicht helfen konnte und versuchte, sie wiederzufinden. Es klappte nicht. Die Erzählungen, was manchen aus meiner Gruppe nach Sonntag passiert ist, haben mich auch ganz schön schockiert. Sobald die Presse weg ist, wird die Polizei viel brutaler, als ob das eine einzuplanende Selbstverständlichkeit sei. Die Menschen wurden unvermittelt ins Gesicht (!!!) geschlagen, wenn sie nicht sofort mitgingen (obwohl das Wegtragen durch die Polizei zugesagt worden war). Verdrehen von Köpfen und Schmerzgriffe gab’s zusätzlich.

    Warum wurde das Schottern so sehr geahndet? Im Ernst, es wurden dadurch
    keine Menschen gefährdet, es war völlig klar, dass ohnehin ein
    Reparaturzug vor dem Castor sein würde. Zerstören von fremdem Eigentum?
    In England wurde aus Protest gegen Studiengebühren gerade die
    Parteizentrale der Tories zerstört und in Brand gesetzt. Hat die
    Mehrheitsgesellschaft, haben wir den Schutz von fremdem Eigentum schon
    so sehr internalisiert, dass ein paar Steine wegmachen als solch
    furchtbare Strafttat angesehen wird? Wie kann ich demokratisch sein, wie
    kann ich gehört werden, um auszudrücken, dass ich die politischen
    Beschlüsse für illegitim halte? Sich an den Händen haltend eine Menschenkette
    machen, scheint mir bei weitem nicht genug. Aber wie soll ich mit diesen extremen
    Einschüchterungstaktiken durch Politik und Polizei umgehen? Ich will es
    nicht irgendwann mal lassen … aus Angst.

    Ich hoffe, dies hier in einem geschützen Rahmen sagen zu können und
    würde mich freuen, wenn auch andere ihre Erfahrungen teilen mögen.

    Ich versuche mich mal in ein paar Gedanken, die mir etwas helfen gegen die Ohnmacht und vielleicht befreiend sind. Ich bin froh, wenn noch andere etwas dazu schreiben mögen:

    1. Henning Luther: Ich glaube, in seinem Aufsatz “Die Lügen der Tröster” schreibt Luther, dass die Menschen, die in dieser Welt voller Ungerechtigkeiten und Gräueltaten normal sind, also funktionieren, die eigentlichen Verrückten sind. Wer verrückt wird an dieser Welt, findet sich nicht ab, gibt sich nicht zufrieden mit den Lügen, hört vielleicht nicht auf zu hoffen. Wer hier verrückt ist, ist eigentlich normal. Wenn Erfahrungen aus politischen Protestformen unserem Innersten wehtun und uns psychisch mitnehmen, dann ist das kein Zeichen dafür, dass mit uns etwas nicht in Ordnung ist. Die ticken nicht ganz richtig! ;) Henning Luther war übrigens praktischer Theologe in Marburg. Er hat sich intensiv und für mich sehr nahegehend mit dem Thema Tod beschäftigt. Er selbst starb früh an Aids.

    2. Ursula Riedel-Pfäfflin und Julia Strecker: Die beiden Theologinnen und Pfarrerinnen haben ein Buch (Riedel-Pfäfflin, Ursula/Strecker, Julia: Flügel trotz allem. Feministische Seelsorge und Beratung. Konzeption – Methoden – Biographien, Gütersloh ²1999) zu feministischer Seelsorge geschrieben, das ich sehr gut finde. Ich habe durch sie gelernt, das Individuum nicht abgetrennt von seinem Kontext zu betrachten. Wir sind eingebettet in gesellschaftliche Zusammenhänge. Z.B. Arbeitslosigkeit lässt sich nicht einfach erklären als das individuelle Versagen, zuwenig Titel und Zertifikate gesammelt zu haben. Traumatische Erfahrungen durch die Polizei oder durch Äußerungen von Politiker_innen wohl auch nicht.
    Auch Uta Pohl-Patalong nimmt sehr interessant systemische Ansätze in ihre Seelsorgelehre auf (Pohl-Patalong, Uta: Seelsorge zwischen Individuum und Gesellschaft. Elemente zu einer Neukonzeption der Seelsorgetheorie, Stuttgart/Berlin/Köln 1996).

    3. Konkret vor Ort fand ich die Deutung gut, dass wir die Polizei auf Trab gehalten haben, dass wir viele Einsatzkräfte auf uns konzentriert haben und die Sitzblockaden es durch uns vielleicht ein Stück einfacher hatten am Anfang. Wenn wir genug Verwirrung gestiftet haben und die Proteste auch durch uns so lange aufrecht erhalten wurden, ist das ein Erfolg. Es hat auch mit Handlungsmacht zu tun.

    Liebe Grüße

    15. November 2010 um 11:05 (bearbeiten)

    ich hätte auch noch den Hinweis auf eine interessante Seite beizusteuern: https://outofaction.net/

    15. November 2010 um 19:23

    Reflexion der Teilnahme an der Aktion Castor Schottern

    Kritik an Aktion
    1. Versuch: Stelle schlecht gewählt um aufs Gleis zu gelangen (enger Weg, viel Unterholz, mehrere Gräben, mehrere Polizeiketten, Gas). In Anbetracht langer Vorbereitungszeit war Stelle schlecht gewählt. Finger wurden gleich danach (oder schon davor?) voneinander getrennt.

    Generell und in der Umsetzung: dieselben Begriffe für zwei Taktiken benutzt („Finger“ umfließen Polizeiketten, andererseits bilden „Finger“ gegen Ende einen Block mit mehreren Reihen → „Reihen“ eher geeigneter Begriff). Verwirrung darüber, dass Finger einerseits spezifische Aufgaben (Schutz I und II, Schottern) haben, andererseits aber in jedem Finger alle Aufgaben übernommen werden).

    Feuerwerkskörper auf Polizei (?) geschossen (vs. Aktionskonsens). Wurden die Leute auf Aktionskonsens hingewiesen? Es regte sich zumindest bei SchotterInnen in unserem Umfeld Unmut.

    Zur Einschätzung im engeren Planungskreis:
    Aktion wurde optimistisch angekündigt. Unserem Eindruck nach kamen viel weniger Leute aufs Gleis, als wir gedacht hatten. Gab es weniger optimistische Einschätzungen, wie viele Leute tatsächlich auf die Gleise gelangen? (Oder lag es an der defensiven Vorgehensweise der DemonstrantInnen?)
    War dem engeren Planungskreis bekannt, wie konfrontativ das Schottern werden würde? Bewusst euphemistisch dargestellt („durchfließen“)?
    Es wurde erst sehr spät (Deli-Plena auf den Camps) klar, dass 2/3 der Aktionsteilnehmer_innen für Schutz gebraucht werden. Im Vorfeld nicht so kommuniziert. Planten initiierende Gruppen, den Schutz ausreichend selbst stellen zu können?

    Planen haben gute Wirkung gehabt! Beim nächsten Mal noch mehr auf Körperschutz/ ausreichend Materialien achten!
    gut war die transparente Ankündigung, dass eine solche Aktion stattfinden wird.

    Erfolg der Aktion?
    Insgesamt der am längsten aufgehaltene Transport nach Gorleben.

    Polizeikräfte wurden gebunden. Wurde Gleichblockade bei Harlingen/ andere Aktionen dadurch erst möglich? (War das das „eigentliche“ Ziel der Schotterkampagne oder kann man das so nicht sagen?) Verhältnis dieses Erfolgs zu den vielen Verletzten?

    Kosten wurden in die Höhe getrieben. Ist das als Erfolg vermittelbar? Hohe Kosten = hoher Legitimationsdruck der Bundesregierung? Vorsicht: systemimmanentes Element! Aber: erzeugt auch systemimmanenten Druck. Wir wollen dabei nicht stehen bleiben.

    Ist Castor über tief geschotterte Stellen fahrlässigerweise drüber gefahren oder war nicht tief genug geschottert?

    Spektrum des als legitim anerkannten zivilen Ungehorsams erweitern. Wir sind uns nicht sicher ob das geglückt ist. Müssten dazu mediale Berichterstattung besser auswerten. (Z.B.: Kam Begründung der bewussten Gesetzesüberschreitung an? Wir erkennen es als schwierige Aufgabe, die gesellschaftliche Gleichsetzung von Gesetzesüberschreitung und Gewalt in den Köpfen der Menschen zu durchbrechen. Muss sanft vermittelt werden?)

    Gegen Sitzblockaden gewaltsam vorzugehen ist noch schwieriger geworden.

    Reflexion unserer Annahmen über Aktion
    Basisdemokratie – Anspruch und Wirklichkeit (2x ad-hoc Entscheidungen der Fingerkoordination über Deli-Plenumsentscheidungen hinweg). War basisdemokratische Struktur beabsichtigt? Wenn nicht, warum dann suggeriert (Deli-Plena)?

    Aktion war eher militärisch durchorganisiert als kreativ und offen. (Anfeuern/ Leuten einheizen [Leute verheizen?], Informationshierarchie, Entscheidungen über viele Köpfe hinweg)

    Polizeigewalt: unterschiedliche Reaktionen:
    Flashbacks/ als traumatisierend erfahren
    gutes Gefühl, weil Konfrontation nicht so schlimm erlebt wurde wie befürchtet
    Eindruck im Nachhinein: sich selbst als „Angreifer“ (auf gewaltfreie Weise) begriffen, Polizei verhielt sich eher defensiv
    aber: Videoaufnahmen vermitteln anderen Eindruck, dort ist Polizei offensiver vorgegangen. Einen Prügelbullen haben wir auch erlebt.

    Angewiesenheit kapitalistischen Wachstums auf (Atom)energie müsste noch stärker thematisiert werden (nicht nur Endverbraucher, sd. Auch Industrie im Blick h

    → Wie können wir Erfahrungen in produktive Wut statt Angst und Lähmung wandeln?
    → Aktionsform mit Blick auf alle auswählen, die sich beteiligen wollen (Sitzblockaden?)

    Theologische Reflexion
    Beschäftigung mit Ziel der Systemtransformation:
    Stephen D. Moore: Exegese der Offenbarung (Wer kann den genauen Titel einfügen?)
    Der kommende Aufstand: http://linksunten.indymedia.org/de/node/22964
    Phase 2. Zeitschrift gegen die Realität 36/2010: Schwerpunkt zur Überwindung eines „Bilderverbots“ hinsichtlich der Frage: Wie sieht eine herrschaftsfreie, gerechte Gesellschaft aus? Und wie kommen wir dahin? http://phase2.nadir.org/

    Die Aufgabe von Theologie in der Gesellschaft sehen wir u.a. darin, über Paradies/ Reich Gottes/ Auferstehung zu sprechen, darin Sprachkompetenz zu erlangen um dies vorstellbar werden zu lassen. Reich Gottes könnte sein
    nach Aktion mit Polizisten Bier trinken. Kritik: lässt die außer Acht, die am meisten unter Atomkraft leidern (Minenarbeiter/ Umfeld der Uranminen etc.)
    wenn Polizisten zu DemonstrantInnen überlaufen. Schien durch, als Polizisten sich Anti-AKW-Aufkleber anheften ließen.

    Angst, dass bei kritischer Betrachtung der Aktion Castor Schottern kein Erfolg „übrigbleibt“. Erfolg ist keiner der Namen Gottes (Sölle, Huber). → ?

    Castor durchs Schottern stoppen = utopisches Projekt. Dies nicht erreicht zu haben, bedeutet nicht, dass kein Erfolg bleibt. Wir finden es richtig, an der Utopie festzuhalten und uns gleichzeitig bewusst zu sein, dass ein Nicht-Erreichen dieses Ziels nicht gleichzeitig einen Misserfolg der Aktion bedeutet.

    Erfahrung, dass Menschen auf die Deutung „Das Grab ist nicht leer, solange die Lager weiter mit Abfall gefüllt werden“ abwehrend reagieren. Das leere Grab/ die Auferstehung sei nunmal schon da gewesen und mensch könne nichts dazutun. Mit Jon Sobrino können wir antworten: Das Grab war schon leer, aber ist gleichzeitig jeden Tag wieder voll.

    Eine Seelsorgerliche Dimension der Befreiungstheologie liegt in der realen Verbesserung der Lebensumstände der „Armen“, die sie herbeiführen will.

    Dietrich Ritschl: der christus praesens ist uns verloren gegangen.

    Technische Fragen
    Gefahr, wenn Castor über geschotterte Stellen fährt und umkippt?
    Was passiert mit dem Müll, wenn der Castor tatsächlich nicht durchgelassen wird
    Forderung des sofortigen Atomausstiegs – wie sähe die Umsetzung aus?

    Weitere Ideen
    Artikel zur Reflexion unserer Teilmnahme an der Aktion Castor Schottern fertig schreiben (bis Ende nächster Woche)
    Wikipedia Informationen zu Befreiungstheologie anfüttern (W. Als wichtiges Meinungsbildungsinstrument und Ort, an dem um Deutungshoheit gerungen wird)
    Rubrik „befreiungstheologische Lektüretipps/ Hausarbeiten“ auf die Homepage
    Themen: Rüstungsexporte

    18. November 2010 um 01:37

    Sorry, dass ich das Forum gerade so zuballere, es gibt noch ein paar interessante Ergänzungen zu unserer internen Reflexion aus einem Nachtreffen mit Marburger Leuten. Es wird evtl. auch ein Nachtreffen zum Thema Polizeigewalt/ Traumatisierung geben, allerdings ist das wegen kleiner Interessent_innengruppe noch unklar.

    Zur Kritik an der Aktion:
    -Zustimmung zu unserem Eindruck, dass der Ort des 1. Versuchs schlecht gewählt war -> wahrscheinlich eignen sich wenige Orte in der Göhrde fürs Schottern
    -mit so viel Polizeigewalt (insbesondere Dichte der Polizisten am Gleis, die Auswal von “Prügeleinheiten” und Einsatz von Gasgranaten) haben auch erfahrene Leute nicht gerechnet -> toll, dass viele sich nicht haben abschrecken lassen
    -> das “Anheizen” über Mikros wurde häufig als problematisch empfunden. teils sollte damit aber das erreicht werden, was wir beim 3. Versuch auch erreichen wollten: dass die herumlungernden leute nochmal mit auf die schiene gehen
    -es gab im organisatorischen vorfeld der aktion den plan, dass erfahrene gruppen schutz I machen -> grob stand die struktur, es war aber auch von vorn herein klar, dass mehr leute gebraucht würden, dies wurde nicht optimal kommuniziert
    -dass nur wenige leute zum schottern kommen würden, hat niemand im vorhinein vermutet. schottern ist also keine “camouflage”-aktion, deren eigentliches ziel z.b. das binden von polizeikräften wäre und nicht effektives schottern. der erfolg lag für viele aber dann doch nicht im schottern selbst, sondern hat sich verschoben zu gemeinschaftsbildender funktion der massenhaften aktion. es funktioniert, sich etwas vorzunehmen und es dann durchzuziehen.
    -teils militärischer charakter der organisierung (Finger/”Züge”, Knfrontation, Einheizen, Entscheidungsfindung) wurde teils ebenso kritisch gesehen wie von uns
    -entscheidungsfindung war so gedacht: in ruhigen situationen basisdemokratisch mit allen aktionsteilnehmer_innen durch deli-plena; in dynamischen Situationen (insbesondere der konfrontation mit polizei) sollten vernetzte orga-/strukturleute mit Megafonen die Aktion anleiten (z.B. Rückzugssignal geben). in der praxis gehen diese art von situationen schonmal ineinander über und es kann zu problematischen entscheidungen (einzelner) kommen. sollte für zukünftige schotteraktionen bedacht werden.

    Erfolg der Aktion
    -gemeinschaftsbildende funktion und entschlossenheit der aktion (s.o.)
    -anwesende presse solidarisierte sich, schützte schotterer sodass sie sogar selbst von polizei angegriffen wurde
    -polizei war schnell am ende mit ihrer taktik (schutzmaterialien waren super und können offensiver beworben werden)
    -repression vor und während der aktion hielt genug menschen nicht vom schottern ab, hoffentlich werden es noch mehr
    -polizeistrategie (möglichst viele kräfte aufs schottern konzentrieren) hat sich als schwachstelle herausgestellt (verlauf anderer aktionen wie z.b. schienenblockaden dadurch positiv beeinflusst)

    Liebe Grüße und sorry für den grosKleinschreibemurks, ist schon ein bisschen spät

    23. November 2010 um 01:03 (bearbeiten)

    Zur Traumatisierung durch Polizeigewalt und posttraumatische Belastungsstörungen wird es u.a. von der Gruppe “Out of action” bald einen Text auf den Homepages der BI Lüchow-Dannenberg und der Castor?Schottern!-Kampagne geben.

    Darüberhinaus gibt es Kontakt zu 20 TraumatherapeutInnen im gesamten
    Bundesgebiet, die sich bereiterklärt haben, bei Bedarf
    Castor-AktivistInnen zu behandeln. Betroffene/UnterstützerInnen können
    sich dafür an folgende emailadresse wenden: @.">@.

    24. November 2010 um 20:35 (bearbeiten)

    hoi!
    in der aktuellen “analyse und kritik” gibts nen ganz guten artikel zum castor. besonders zum schottern: http://www.akweb.de/ak_s/ak555/42.htm

    un abrazo