Kairos Europa 2011

Vom 30.9. bis 02.10.2011 fand in Mannheim die Jahrestagung des ökumenischen Netzwerks Kairos Europa statt, das Thema lautete: Brauchen wir Wachstum – und wenn ja, welches? Öko-soziale Transformation in Nord und Süd. Von den ungefähr 70 Teilnehmer_innen waren Katharina, Bianca, Hendrik, Bernhard, Manuel, Daniel und Peter für das Befreiungstheologische Netzwerk da und am Sonntag – in Gestalt einer Agape-Feier und Workshops zu biblischen Texten – auch für das Programm verantwortlich.

Die Themen Wachstum und Wachstumskritik sind zu einem Sammelpunkt geworden für Kritik an unserer gegenwärtigen Lebensweise und Ökonomie, aber auch für Überlegungen und Strategien zu alternativen Konzepten, was zum Beispiel im Schlagwort der Postwachstumsgesellschaft deutlich wird. Für soziale Bewegungen genauso wie für befreiende Theologien lässt sich an dem Thema nicht nur in vieler Hinsicht festmachen, warum eine andere Welt nötig ist – es gibt auch schon eine ganze Menge Beispiele und Konzepte, die zeigen, dass sie möglich ist.

Das Thema Wachstum wirft die Systemfrage auf

Warum eine Postwachstumsökonomie ‘grünem Wachstum’ vorzuziehen ist, darum ging es in Niko Paechs Auftaktvortrag am Freitag – womit indirekt schon die Systemfrage gestellt war. Denn die kapitalistische Lebensweise ist ein „Komplex der Fremdversorgung“, der eine teure, schmutzige und Ressourcen verbrauchende Infrastruktur nötig macht. Egal ob wir einen Computer benutzen, aus Plastiktellern essen oder in einem klimatisierten Raum sitzen – alle diese Dinge (aber auch Dienstleistungen!) verbrauchen um ein Vielfaches mehr an Rohöl, als ihre eigene Masse beträgt. 175 kg sind es, die tagtäglich jede und jeder von uns an natürlichen Ressourcen verbraucht. Andererseits ist das reine Finanzvermögen inzwischen viermal so groß wie das globale Bruttoinlandsprodukt, was zeigt, wie sehr sich Finanzwirtschaft und Realwirtschaft in den letzten 30 Jahren entkoppelt haben. Den Grundsatz der Profitmaximierung, aber auch Zinsen und Eigentumsverhältnisse bezeichneten Paech und Alexis Pasadakis als Wachstumstreiber. Verschuldung ist entsprechend kein Unfall, sondern in der Idee des Konsums schon angelegt. Das heißt auch, „über ihre Verhältnisse“, wie man es momentan in vielen Medien hört, leben nicht einzelne europäische Länder, sondern wir alle in unserer Wirtschafts- und Lebensweise. Das gegenwärtige Geflecht von Krisen ist damit eine folgerichtige Konsequenz.

Pasadakis, der gewissermaßen als Vertreter der sozialen Bewegung auf dem Podium saß, eröffnete zudem eine globale, und zwar postkoloniale Perspektive: Europa und Amerika lebten und leben auf Kosten des globalen Südens und was auch immer für Veränderungen nötig sind, aufgrund ihrer historischen Schuld haben Europa und Amerika, der Norden, die Bringschuld. An diesem Punkt stellt sich die Frage nach der Gerechtigkeit: Wie sieht es mit dem Nachholbedarf aus, den der Süden nach fünfhundertjähriger imperialer Unterdrückung und Ausbeutung nachvollziehbarerweise einfordert? Wäre aber die Forderung nach Kompensation für die erlittenen Schäden nicht, wie es Paech sagt, eine Forderung nach ‘Recht auf Selbstmord’? Denn das würde ja darauf hinauslaufen, die zerstörerische Lebensweise des Nordens zu reproduzieren. Dagegen wurde in der Diskussion der Begriff der Verteilungsgerechtigkeit stark gemacht, der schon im Alten Testament von einer asymmetrischen und konflikthaften Wirklichkeit ausgeht und von Ulrich Duchrow eingefordert wurde.

Die Analyse wurde in einem Podium am Samstag noch ein wenig plastischer, weil zur Perspektive der sozialen Bewegungen auch Heinrich-Böll- und Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie mit Andrea Ypsilanti die parteipolitische Sicht zu Wort kamen. Gerade bei ihr zeigte sich, dass das Problem vor allem eines der Vermittlung ist: „Wäre die Presse hier anwesend, bräuchte ich wahrscheinlich demnächst Begleitschutz.“ Die Ideologie des Wachstums sei bei den allermeisten Menschen so tief verankert, der momentane neoliberale Machtblock ist dermaßen verhärtet und die Presse so sehr Meinungsmache, nicht Information, dass die Notwendigkeit von Veränderung einer breiten Mehrheit von Menschen kaum nahe zu bringen ist. Hinzu kommt eine Vertrauenskrise in das politische System, die so weit fortgeschritten ist, dass viele Menschen schlicht nicht mehr erreichbar sind für Politik bzw. sich von politischer Beteiligung vollkommen verabschiedet haben.

Wie fehlgeleitet die öffentliche und mediale Diskussion ist, aber auch wie sehr wir das auf Wachstum beruhende ökonomische System verinnerlicht haben, das sprach der brasilianische Theologe Silfredo Dahlfert an. In der Diskussion über seinen Beitrag ‘Wachstumszwang als tötendes Gesetz’ (nach Franz Hinkelammert; http://www.rex-buch.ch/index.php?action=product_show&var=3119) wurde deutlich, dass der momentane Diskurs über Verschuldung eine quasireligiöse Sprache entwickelt hat, die mehr mit Moral und Schuld zu tun hat, als mit realökonomischen Zuständen. Michael Brie (Rosa Luxemburg-Stiftung) fragt später: Warum ist die Diskussion in allen Medien momentan von Staatsschulden geprägt, nicht aber von dem gigantischen Überfluss, der sich auf der anderen Seite in privaten Händen konzentriert und wiederum Mangel erzeugt im gesellschaftlichen und sozialen Bereich?

Die Analyse der bestehenden Zustände ist klar und stimmt wenig optimistisch. Es herrscht Einigkeit darüber, dass die momentanen Machtblöcke verhärtet sind und sich längst schon die Gefahr imperialer Kriege andeutet. Das zeigt nicht nur das Entstehen us-amerikanischer Militärbasen entlang von Rohstoff-Zugängen, sondern auch der Umbau der Bundeswehr und ein Diskurs, der seit einigen Jahren Kriege aus nationalen (ökonomischen) Interessen Schritt um Schritt salonfähig macht.

Aber auch wenn man ‘hineinzoomt’ von der globalen und gesellschaftlichen Dimension in den individuellen Bereich: Bedrohlich ist das Ganze nicht mehr nur für unsere Nachkommen und für den Planeten, sondern auch schon längst für jede und jeden einzelnen von uns. Denn die ununterbrochene und wachsende Reiz-, Informationen- und Konsumüberflutung macht krank, das zeigen die Zahlen über psychische Erkrankungen und BurnOut.

Die Frage nach Strategien und Alternativen

Weniger zu konsumieren ist in einer reizüberfluteten Gesellschaft also weniger Verzicht, als vielmehr Selbstschutz, meint Niko Paech. Suffiziens heißt das, oder die Entrümpelung unseres Lebens, bzw. das Abwerfen von Wohlstandsballast. Paechs Vorschlag einer Gegenstrategie heißt: Urbane Subsistenz, also die Möglichkeit der Selbstversorgung jenseits von Marktschranken und innerhalb eines Netzes sozialer Beziehungen. Bedingungen dafür sind lediglich Zeit und etwas handwerkliche Kompetenz (nötig seien lediglich drei zum Tausch anbietbare Fähigkeiten, die natürlich nicht nur handwerklich sein müssen). Auch Alexis Pasadakis geht es in seinem Vortrag am Freitag um alternative Konzepte, er stellte Konzepte aus dem globalen Süden vor. Zum Beispiel das in die Verfassungen von Bolivien und Ecuador aufgenommene Konzept des buen vivir, des Rechts auf gutes Leben, das eine völlige Abkehr vom Wachstums- und Entwicklungsparadigma bedeutet. Oder die verfassungsmäßige Verankerung der Pacha Mama, der Mutter Erde, als vollgültiges Rechtssubjekt. Schließlich nannte Pasadakis auch das Konzept der Ernährungssouveränität der Kleinbauernbewegung Via Campesina (http://de.wikipedia.org/wiki/Ernährungssouveränität).

An Lösungsansätzen und guten Ideen mangelte es in keinem Moment. Die genannten Konzepte, aber auch konkrete Möglichkeiten der Umverteilung oder Konzepte wie das der Commons werden diskutiert und längst auch schon praktiziert. Die Frage lautet vielmehr, wie solche Ideen und Konzepte einer breiten Mehrheit zugänglich gemacht werden können bzw. wie sie in der Politik umgesetzt werden. Ein Schwerpunkt der Tagung lag folglich auf der Diskussion von Strategien.

Für Andrea Ypsilanti hat der nötige Transformationsprozess drei Dimensionen: eine ökologische, die soziale (gemeint ist die Umverteilung von Macht und materiellen Ressourcen) und die der Redemokratisierung. Alexis Pasadakis stellte die Frage, welche gesellschaftlichen Akteure das Subjekt einer solchen Transformation sein können. Schon bestehende Akteure, die sich verändern müssten oder neue Akteure, die noch nicht auf dem Radar der sozialen Bewegungen erschienen sind? Nötig sind jedenfalls charismatische und schlüssige Gegenpositionen bzw. die Herstellung einer Gegenhegemonie. Dafür wurden in der gemeinsamen Diskussion zwei Richtungen stark gemacht. Zum einen gilt es nicht nur die sachliche und rationale Seite dieses Themas zu verdeutlichen, denn mit dem Thema sind starke Gefühle verbunden, die nicht unterdrückt werden sollten. Pasadakis nannte in diesem Zusammenhang das zapatistische Konzept der Würdigen Wut, die die Empörung über die bestehenden Zustände in Aktion und in konstruktiven Widerstand lenkt.

Die Ablehnung jeglichen Wachstums oder ein pauschales ‘Dagegen’ scheint dabei keine Perspektive zu sein. Wir brauchen eine breiten Pädagogik des Umdenkens. Und die Frage nach dem Wachstum muss pointierter gestellt werden: Welches Wachstum wollen wir? Eines das sich an der Steigerung des Bruttoinlandsproduktes bemisst und zu Stress, Lärm und BurnOut führt – oder ein Wachstum in Bereichen wie Gerechtigkeit, Bildung oder Lebensqualität? Letztlich geht es hier auch um die Frage nach einer positiven Vision und einer neuen großen Erzählung.

Ein theologischer und emotionaler Zugang ist nötig

Das Thema der Wachstumskritik wirft Fragen und Ängste auf, die uns auf einer persönlichen und existentiellen Ebene bewegen. Ein Zugang, der nur analytisch und ‘verkopft’ ist, wird dem nicht gerecht. Denn verbunden damit ist die Frage, wie wir gemeinsam, solidarisch und verantwortungsvoll leben wollen – die theologische Dimension ist also nicht weit. Das befreiungstheologische Netzwerk griff das Thema Wachstumskritik und Alternativen in der Agape-Feier am Sonntag von dieser Seite auf. „Folge mir nach und lass die Toten ihre Toten begraben“, so lautet bei Lk. 9 die Aufforderung in einer der herausfordernden und verstörenden Geschichten der Evangelien. Die Jünger_innen, diejenigen die sich in die Nachfolge begeben wollen, können nicht mit ‘billiger Gnade’ rechnen, sondern sind zu einer existentiellen Entscheidung aufgerufen – ähnlich wie wir heute vor der Alternative stehen, unsere Lebensweise radikal zu ändern und selbstverständliche Privilegien in Frage zu stellen. Dass ein Blick in die Bibel durchaus lohnt in diesem Zusammenhang, das zeigten auch die Workshops. Die Geschichte des Turmbaus zu Babel, der kulturelle Unterschiede verwischt und für ein technokratisches Riesenprojekt Vereinheitlichung und Gleichmachung fordert, kritisiert im Grunde das, was wir heute unter Globalisierung verstehen. Im Rangstreit der Jünger_innen, wer von ihnen die oder der Erste sei, stellt Jesus die Machtlogik und die Hierarchien der Welt auf den Kopf, indem er ein Kind in den Mittelpunkt stellt: „Wenn jemand der Erste sein will, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener.“ Die theologische und biblische Perspektive bietet einen Ausweg aus einer Sprache und einem Denken, das tief von der Logik von Wachstum und Leistung geprägt ist. Glaube spricht keine technokratische oder bürokratische Sprache, sondern eine Sprache jenseits eingefahrener Denkwege, phantasievoll und prophetisch. Ein Funke nur scheint zwischen dem biblischen ‘Kehrt um!’ und dem heutigen ‘Empört Euch!’ zu liegen.

Literaturtips:

  • Friederike Habermann (2009): Halbinseln gegen den Strom. Anders leben und wirtschaften im Alltag. Helmer.
  • Silke Helfrich (2009): Wem gehört die Welt? Zur Wiederentdeckung der Gemeingüter. Oekom-Verlag.
  • Tim Jackson (2011): Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt. Oekom-Verlag.
  • Dieter Klein: Transformation 1989 – Transformation 2009?

    (http://rosalux-europa.info/events_en/klein_transformation_1989_2009/)

  • Ralf Krämer: Wachstum?! Qualitativ, sozial-ökologisch, reguliert – oder schrumpfen? (http://www.sozialismus.de/archiv/supplements/liste/detail/artikel/wachstum/)
  • Christa Müller (Hg.) (2011): Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. Oekom-Verlag. [Oder: http://www.urban-gardening.eu/]
  • Werner Rätz, Tanja von Egan-Krieger u.a. (Hg.) (2011):Ausgewachsen. Ökologische Gerechtigkeit. Soziale Rechte. Gutes Leben. Vsa.
  • Gerhard Schulze (1992): Die Erlebnisgesellschaft: Kultursoziologie der Gegenwart. Frankfurt a.M.: Campus (Studienausgaben 2000 und 2005).

1 Kommentar

  1. Ich habe die Tagung insgesamt als sehr fruchtbar empfunden, und hatte auch den Eindruck, dass der “theologische” Teil, den wir als Gruppe des Netzwerks mitgestaltet haben, ein wichtiger Beitrag dazu war.
    Sowohl von Andacht als auch von den Workshops (s. dazu auch die Unterseite über unseren “Fahrplan” für die Bibelarbeit) ist mir wichtig festzuhalten, dass theologische / religiöse und/oder biblische Sprache eine wertvolle Hilfe sein kann, die Träume zu artikulieren, die wir so nötig haben, wenn wir angesichts der erdrückenden Krisen nicht total verzweifeln wollen.
    Darüber hinaus ist auch das Thema “Wachstumskritik” mit vielen Ängsten behaftet, z.B. dass sich dann Massenarmut, Elend, Rückständigkeit breit machen, sowie viele Unsicherheiten ausgelöst werden, angesichts der Größe der Herausforderung, und wir uns auch in vielen widersprüchlichen Situationen und Zusammenhängen wieder finden. In dieser Situation wurde ich in Mannheim darin bestärkt, dass die Sprache des Gebets, das Gespräch über biblische (und andere) Texte oder das Feiern eines Agape-Mahls viele Sachen zum Ausdruck bringen können, die sonst nicht raus kommen.
    Von daher war die Erfahrung dort eine wichtige Bestätigung dafür, was Theologie einbringen kann.

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