In Mannheim haben wir verschiedene Texte in Kleingruppen bearbeitet:

  • den ersten Schöpfungsbericht samt Herrschaftsauftrag an die Menschen (Gen 1); quergelesen mit anderen Schöpfungstexten der jüdischen und islamischen Tradition
  • die Geschichte vom Turmbau zu Babel (Gen 11)
  • den Rangstreit der JüngerInnen (Mk 9)
  • das Wunder von der Brotvermehrung (Joh 6)

Dabei sind wir folgendem “Fahrplan” gefolgt, der grob den hermeneutischen Schritten von Elisabeth Schüssler Fiorenza nachempfunden ist:

  1. Blitzlicht: Wo stehen wir am Ende dieser Tagung? Welche Ängste, Erwartungen, Wünsche haben wir mit Blick auf den weiteren Weg?
  2. Blitzlicht: Kritische Selbstreflexion: in welcher Weise sind wir verstrickt, inwiefern sind wir privilegiert?
  3. Lest den Bibeltext
  4. Inwiefern bestätigt der Text (oder dessen gängige Interpretationen) Wachstums- und Fortschrittsdenken? Welche Tendenzen bietet er, daraus auszubrechen / dagegen Widerstand zu leisten?
  5. Wie würde eine wachstumsgläubige Auslegung des Textes aussehen?
  6. Schreibt die Geschichte um! Schreibt eine Reaktion oder Antwort!
    Formuliert eure Visionen mit Hilfe der Bilder und Themen des Textes!

Unsere Vorstellungen von den Workshops haben wir so ausgedrückt:

Die Wachstumslogik prägt nicht nur unser Wirtschaftssystem und unsere Politik, sondern auch unser Denken. Glaube kann Grenzen überwinden – auch unsere Denkgrenzen! In Auseinandersetzung mit biblischen Texten wollen wir Träume und Denkmöglichkeiten jenseits eingefahrener Muster erschließen.
Es geht also nicht um DIE eine, richtige Botschaft bzw. Interpretation des Textes. Sondern darum, mithilfe der Themen, Bilder, Botschaften des Textes unsere Vorstellungen bezüglich Wachstum und unsere Visionen für Alternativen auszudrücken.
Indem wir uns in die fremde Welt der Bibel hineinbegeben, lassen sich Dimensionen artikulieren, die die gewohnte ökonomische oder technokratische Sprache nicht fassen kann. Und es entsteht idealerweise ein neuer Blick auf unsere Situation.
Die Herangehensweise wäre eine Hermeneutik des Verdachts, die nicht davon ausgeht, dass die Aussage in der Bibel per se richtig ist – sondern in Frage gestellt werden kann und soll, um gerne auch Diskussion und Auseinandersetzung hervorzurufen.

Zu diesen Workshops bekamen wir viele positive Rückmeldungen. Als gut wurde z.B. empfunden, dass zuerst der Raum eröffnet wird, in den alle Teilnehmenden eintreten, so dass von vornherein nicht abstrakt über den Text geredet wird, sondern sich alle mit ihren Ideen und Gefühlen einbringen.
Manche hat es ein wenig Überwindung gekostet, die gewohnte “Hermeneutik des Vertrauens” zu durchbrechen, und kritische Anfragen an den Text zu stellen (was wir als Workshopleitende unterstützt haben). Gleichwohl kamen so viele Aspekte der Texte zur Sprache, die alle Teilnehmenden überrascht haben.
Zumindest mein (Bernhards) Eindruck war, dass die Idee, dass über die Beschäftigung mit biblischen Texten neue Dimensionen der Auseinandersetzung mit dem Thema Wachstum eröffnet wurden, die eine gewisse Ganzheitlichkeit ermöglichte, da darin auch Ängste und Unsicherheiten, sowie Freude und ermutigende Erfahrungen ihren Raum hatten.
Insofern kann ich das methodische Vorgehen weiterempfehlen.