Die Sommerschule fand vom 14. bis 18. September in Münster statt. Der folgende Bericht versucht einige Themen, Aktionen und Kontroversen herauszugreifen und darzustellen.

Die Neuentdeckung der politischen Dimension des Glaubens

Der Referent Ludger Weckel vom Institut für Politik und Theologie (itpol) führte in einem Abendvortrag in speziell die lateinamerikanische Befreiungstheologie ein. Besonders wichtig war ihm die Verortung innerhalb der politischen Auseinandersetzungen jener Zeit und eine angemessene Beschreibung der Gesellschaften in Lateinamerika. Nur vor diesem Hintergrund lassen sich die Rede von einem Standpunkt, von dem aus Theologie betrieben wird und die Rede von der „Option für die Armen“ nachvollziehen.

Was ist Theologie? Was ist Befreiung?

Am Vormittag des zweiten Tages gab es unterschiedliche Workshops zu Fragen der befreiungstheologischen Hermeneutik, also „wie lesen und verstehen wir eigentlich die Bibel?“ über systematische Diskussionen, etwa zum Konzept und der Bedeutung der „gefährlichen Erinnerung“ oder der Rede vom „Reich Gottes“ bis hin zu grundsätzlichen Überlegungen zum „Begriff des Politischen“. Die Fülle der genannten Themen steht wohl stellvertretend für die vielfältigen Gebiete, auf denen sich Befreiungstheologien anwenden lassen, in denen sie sich jedoch auch zu bewähren haben und wiederum selbst Gegenstand kritischer Anfragen werden. Als grundsätzliche Anfragen seien hier nur der für sich sprechende Titel des Workshops „Ethik ohne Gott“ oder aber die Frage nach dem Politikbegriff der Befreiungstheologie und speziell die Abgrenzung zum Begriff des Politischen, der sich vielmehr auf soziale Bewegungen und andere Trägerkreise des Politischen bezieht.

Was glauben wir?

Abgerundet wurde der zweite Tag der Sommerschule mit einer beeindruckenden Performance zum Thema „Was glauben wir?“, die mit starken Texten und einem stimmungsvollen Ambiente alle Theologien, die nur Trost vermitteln wollen eine Absage erteilte: „Tröstlich ist es allein, nicht mehr lügen zu müssen“. In Kleingruppen wurden die Anstöße des Abends weitervertieft und ganz unterschiedlich diskutiert.

Aktuelle Herausforderungen

Am dritten Tag der Sommerschule standen aktuelle Konflikte oder Herausforderungen auf dem Programm, die ebenfalls in Kleingruppen erarbeitet wurden. Einzelne Themen sind aus Diskussionen innerhalb des Befreiungstheologischen Netzwerkes hervorgegangen, so etwa die Workshops zu „Antijudaismus“ und „Polizeigewalt“. Andere aktuelle Themen waren „Sozialabbau“ bzw. „Migration“. Neben einem Erfahrungsaustausch über eigene politische Praxen standen eine theologische Positionierung und Ideen für konkrete Aktionen und Kampagnen im Mittelpunkt dieser Workshops. Zum Thema „Sozialabbau“ hatte sich bereits im März eine Gruppe gebildet, die zu Hartz 4, Dumpinglöhnen und Ähnlichem in einer eigenen Gruppe innerhalb des Befreiungstheologischen Netzwerkes arbeitet; für den Bereich Flüchtlingsrechte, Flüchtlingsunterstützung und Migration hat die Ortsgruppe aus Münster, die gemeinsam mit dem itp in Münster aktiv ist den Workshop gestaltet und auch hierzu gibt es nun eine Arbeitsgruppe innerhalb des Befreiungstheologischen Netzwerkes. Ein Thema, das bei diesen beiden Workshops immer wieder zur Sprache kam und einer guten Theorie, als auch einer gelebten Praxis bedarf ist der Umgang mit Betroffenen, die Frage, wer eigentlich betroffen ist und wer mit welcher Berechtigung für wen spricht oder zu sprechen versucht. Gerade bei diesem Punkt wurde im Plenum auch immer wieder Diskussionsbedarf angemeldet.
Weitere Workshops, die am Nachmittag stattfanden waren „Marx und Dekonstruktion“, „Afro-brasilianische Befreiungstheologien“ und „Radikale Demokratie“.

Postkoloniale Stadtführung

Ein Highlight der Sommerschule war in diesem Jahr bestimmt die postkoloniale Stadtführung, die Stephanie Feder für uns zum ersten Mal angeboten hat. Bei dieser gelungenen Premiere hat sie uns auf die Spuren der kolonialen Vergangenheit Münsters geführt, die sich zum Beispiel an den Resten des Zoos, der auch die absurdesten Völker- und Menschenshows angeboten hat, ablesen lässt. Mit den Gedichten der Münsteranerin May Ayim im Ohr und vielen neuen Ideen und Eindrücken schloss dieser Tag.

Der Rote Faden

Nach diesen vielen Eindrücken stand eine Einheit auf dem Programm, die versuchte in die Vielfalt der Themen Struktur einzufügen und wichtige Fragen und Themen herauszugreifen. Darunter befanden sich: Mit der eigenen Sprachlosigkeit umgehen, neue Formen, Lieder und Gesänge entdecken und nutzen, Banden zu bilden und Pferde zu stehlen (eine Auswahl). Kurz gesagt, wo es um ein Zusammenführen ging, zeigte sich eine enorme Pluralität, die auch die derzeitige Lage der Befreiungstheologien und die unterschiedlichen Kämpfe, Auseinandersetzungen und Anliegen von sozialen Bewegungen gut zu kennzeichnen scheinen. Befreiungstheologien scheinen sich auch dadurch auszuzeichnen, dass sie „unterwegs“, auf der Suche und voller Neugier sind.

Aktionsvereinbarungen

Am Nachmittag des vorletzten Tages wurden Vereinbarungen für Aktionen getroffen. Konkret ging es um Castor-Proteste im November, Veranstaltungen zu Kirchenasyl und Migration, sowie eine Veranstaltungsreihe im Dezember unter dem Titel „Decolonizing our bodies and minds“.

Kundgebung mit ‘The Voice’

Spontan entschieden die Teilnehmer*innen der Sommerschule an einer Kundgebung der Flüchtlingsorganisation ‘The Voice’ in Münster teilzunehmen. Unter dem Motto „No Border, no Nation, Stop Deportation!“ unterstützten wir den Protest gegen die Kollaboration der nigerianischen Botschaft mit dem deutschen Staat, die von ‘The Voice’ als „korrupt“ und „kolonialistisch“ bezeichnet wird. Da der äußere Rahmen der Kundgebung die Wahl der „Miss Nigeria Germany“ war, spielten sich vor unseren Augen einige Konflikte innerhalb der nigerianischen community ab.
Hier geht es zu weiteren Informationen zur Kundgebung, zur Abschiebepraxis und ‘The Voice’.

Aktion gegen koloniale Straßennamen in Münster


Es kam zu einer nächtlichen Aktion gegen koloniale Straßennamen in Münster. Eine Pressemitteilung mit weiteren Hintergründen zu diesem Fall findet sich auf der Homepage.

Organisatorische Rücksprachen des Befreiungstheologischen Netzwerks

Innerhalb der Sommerschule kam es ebenfalls zu einem organisatorischen Treffen des Befreiungstheologischen Netzwerks. Die hierbei besprochenen Einzelheiten werden innerhalb des Netzwerks in einem eigenen Brief versandt und werden auf der Homepage bekannt gegeben.