Grundlegend und förderlich:
Eigene Privilegien kritisch reflektieren & authentisch auftreten

Anregung:
Wie ginge es uns auf einem Feldbett mit vielen Menschen in einem Zimmer?
Wie  nähmen  wir  Abhängigkeiten  von  anderen  Menschen  in Grundversorgungsfragen (Lebensmittel, Hygieneartikel, Kleidung) wahr?
Wie nähmen wir monetäre Abhängigkeiten wahr?
Wie ginge es uns ohne enge Familie oder Freund_innen in unserem Umfeld?
Wie ginge es uns ohne selbstverständliche Anerkennung in der Gesellschaft? (Zu Bedenken in Alltagssituationen)
Wie  ginge  es  uns  mit  ständiger  Langeweile  und  wenigen  Möglichkeiten  zur selbstständigen, sinnvollen Zeitgestaltung?
Wie  ginge  es  uns  ohne  Perspektive  zur  gesellschaftlichen  und  rechtlichen Anerkennung?

Gespräch und Vertrauen fördern

Viele  unserer  Gäste  haben  im  Großen  und  Kleinen  Vertrauensbrüche  erlebt, die   mitunter  existentielle  Konsequenzen  hatten.  Je  mehr  Zeit,  persönliches Gespräch  und  Interesse  wir  mit  unseren  Gästen  geteilt  haben,  desto vertrauensvoller wurde auf beiden Seiten die Beziehung. Bewährt hat sich das Vorstellen  von  neuen  Helfer_innen  vor  der  Gruppe  und  bei  den  einzelnen Personen. (Bei Bedarf häufigeres) Fragen nach Namen fördert Vertrauen und Dialog.  Vorsichtig  hingegen  sollte  mit  dem  Themenkomplex  Herkunft, Fluchtgeschichte  (Wüste,  Mittelmeer,  Erstaufnahmelager…)  und  Personalia umgegangen  werden.  Mit  wachsendem  Vertrauen  wurden  uns  Lebensläufe anvertraut  und  wir  haben  gelernt  zuzuhören  und  entsprechend  dem Seelsorgegeheimnis diskret mit persönlichen Informationen umzugehen. Dazu gehören auch Informationen zu psychischen und körperlichen Verfasstheiten der  Flüchtlinge.  Hier  haben  wir  gelernt,  dass  es  wichtig  ist  Kontexte  zu unterscheiden, in denen darüber zu sprechen nötig oder grenzüberschreitend ist.  Ein  diskreter  Raum  der  Supervision  wäre  für  uns  u.a.  in  dieser Angelegenheit hilfreich gewesen.

Kommunikationsstrukturen aufbauen und nutzen

1)  Kommunikation mit der Gastgruppe

Zu Beginn kam es vor, dass wichtige Informationen und Fragen für und an die Gastgruppe nur mit einzelnen Personen aus der Gruppe besprochen wurden. Mitunter  waren  deshalb  an  Entscheidungsprozessen  nicht  alle  Betroffenen beteiligt.  Bewährt  hat  sich  Kommunikation  via  Pinnwand  in  verschiedenen Sprachen und regelmäßig festgesetzte Treffen mit der Gesamtgastgruppe und Unterstützungskreis vor Ort.

Auf der Pinnwand haben wir festgehalten:

– Telefonnummern von Bezugspersonen?
– Was tun im gesundheitlichen Notfall?
– Informationen zu div. Treffen
– Angebote  zur  Alltagsgestaltung  (Deutschkurs,  Fußballspielen,  Fahrrad reparieren…)
– Sprechzeiten ehrenamtlicher Ärzt_innen (vor Ort)
– Aktuelle  Stellungnahmen  und  Zeitungsartikel  zur  Situation  der Flüchtlinge
– Politische  Aktionen  rund  um  die  Berliner  Asylpolitik  und Flüchtlingsproteste

2)  Innerhalb des Unterstützungskreises

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist Verantwortlichkeiten zu  erkennen,  klar  zu  benennen  und  entsprechend  der  Kapazitäten Einzelner zu verteilen!

Via  Emailverteiler  und  innerhalb  eines  regelmäßigen Treffens  ist  gut, kontinuierlich zu besprechen:

1)  Was ist erledigt?
2)  Wer macht was, warum?
3)  Wie geht es uns?! Sind die eigenen Aufgaben bewältigbar?
4)  Was steht an?

Es  erleichterte  die  Zusammenarbeit,  einen  überschaubaren,  zuverlässigen Helfer_innenkreis  zu  formieren.  Nach  außen  sollte  deutlich  sein,  dass dieser stets erweiterbar ist. Diese Gruppe steht bestenfalls in Kontakt mit einem  Kreis  von  Helfer_innen  mit  sporadischeren  Kapazitäten.  Für  eine gelungene  Kommunikation  hatten  wir  zwei  Emailverteiler  eingerichtet.  (1 kleiner und 1 großer; Eine Anfrage zur weiteren Unterstützung außerhalb des Konvikts kann selbstverständlich über diese Verteiler geschickt werden.).

3)  Mit Menschen, die in Form von Sach- und Geldspendenhelfen wollen.

Es gibt eine Online-Bedarfsliste. Es hat sich bewährt aus jeder Gastgruppe einen  Menschen  zu  bitten,  diese  (mit)zuverwalten.  Der  Link  sollte  über soziale Netzwerke, Emails, Gemeindebriefe, Flyer usw. verbreitet werden. Regelmäßige Erinnerung an den Link sichert regelmäßige Spenden. Angedacht  ist  außerdem  ein  zentraler  Spendenladen,  den  Ehrenamtliche mit einer Gruppe von Flüchtlingen betreiben. (Dies macht nur Sinn, wenn jede Flüchtlingsgruppe über mindestens eine Monats-BVG-Karte verfügt.)

4)  Mit dem kirchlichen AK

Wichtige  Informationen  aus  Treffen  mit  den  Flüchtlingen  und  dem Unterstützungskreis  haben  wir  in  den  AK  zur  momentanen  Situation (Koordination: Klemens Lange) eingebracht.

Zeit gestalten, Arbeit und Bildung ermöglichen

Positiv wirkte sich auf die Stimmung in der Unterkunft und die vertrauensvolle Begegnung  das  gemeinsame  Verbringen  von  Zeit  aus.  Viel  Spaß  hatten  wir gemeinsam  an:  Spielen  wie  Memory  und  Mensch  ärgere  dich  nicht,  Sport Fußball  und  Tischtennis,  gemeinsamem  Essen,  Fahrradreparatur,  Musizieren u.a.

Die  Deutschkurse,  die  voraussichtlich  weiterhin  täglich  in  St.  Marien stattfinden  werden,  wurden  gut  angenommen.  Unterstützen  können Kirchengemeinden  diese  Bildungsmöglichkeit  und  das  ehrenamtliche Engagement  vieler  Student_innen  mit  Spenden  von  BVG-Tickets  für  die Flüchtlinge.

Bisher noch nicht eingerichtet, aber dringend gewünscht und förderlich sind Angebote  von  Voluntary  Work  oder  Praktika!  (Es  gibt z.B.  ausgebildete Mechaniker, Gärtner, Köche…)

Feste  feiern:  Besondere  Erfahrungen  waren  das  gemeinsame  Begehen  des muslimischen  Opferfestes  in  Kooperation  mit  der  Sehitlik-Moschee, gemeinsame  Essen  und  die  Goodbye-und-See-u-soon-Party  am  Abend  vor dem Umzug.

Eigenverantwortlichkeit fördern

Dafür wichtig ist ein Zugang zum Internet und zu öffentlichen Verkehrsmitteln und/oder Fahrrädern, sowie die Auszahlung eines Taschengeldes (5 Euro/Tag)

Mit  Ablehnung  gegenüber  den  Flüchtlingen  und  der  kirchlichen  Gastfreundlichkeit umgehen

Wir haben solche Situationen in Sozialen Netzwerken (facebook und twitter) und  mit  unbedarften  Besucher_innen/Helfer_innen  erlebt.  Bewährt  haben sich  dabei  diplomatische  Gespräche.  Dabei  ist  es  wichtig,  sowohl  die  Ängste von Kritiker_innen,  als  auch  die  verletzenden  Auswirkungen  ihrer  Aussagen auf  die  Flüchtlinge  ernst  zu  nehmen  und  zur  Sprache zu  bringen. Grundkenntnisse  in  asylpolitischen  Fragen,  Selbstreflexion  und  Gelassenheit im Gespräch waren für uns in solchen Situationen hilfreich.

Begegnung als Chance wahrnehmen und nutzen

Wir  haben  in  den  letzten  Wochen  Freundschaften  geschlossen  und  viel gelernt:  Über  politische  Zusammenhänge,  rechtliche  und  humanitäre Begebenheiten,  an  sprachlicher  Qualifikation,  an  interkultureller und interreligiöser  Kompetenz  und  Selbstreflexion.  Dialogveranstaltungen  mit kirchlichen  Gruppen  und  Kreisen  und  das  ehrenamtliche  Engagement empfehlen wir auch deshalb von Herzen. Interesse haben auf dem Werktag der EKBO einige Menschen bekundet.

Berlin, den 15.10.2014

Nina Roller, Frieda Arnold, Lukas Pellio

Für Rückfragen:

@.

@.

@.