zumindest im März 2011

Und die Geringen und die Verachteten vor der Welt hat Gott erwählt, die nichts gelten, um denen, die etwas sind, die Macht zu nehmen.
1. Korinther 1,28

Konkret

Wir sind ein offenes, ökumenisches Netzwerk aus Theologiestudierenden, theologisch Interessierten, politischen Aktivist_innen und Basisgruppen. Uns verbindet die widerständige Sehnsucht nach einer gerechten Welt und unser gemeinsames Interesse für Theologien der Befreiung.

Warum „Befreiungstheologisches Netzwerk“?

Befreiungstheologien sind Teil emanzipatorischer Bewegungen. Dabei gehören politisches Engagement und Glaubenspraxis zusammen. Sie üben Kritik an bürgerlicher, privatisierter Religion, die unterdrückerische Strukturen verschleiert und damit fördert. Befreiungstheologien sind parteilich.

Hintergrund

Das Befreiungstheologische Netzwerk entstand Ende 2009 aus dem Wunsch, einzelne Personen und schon bestehende Gruppen miteinander zu vernetzen und befreiungstheologische Ansätze und Praktiken in unseren Kontexten zu stärken. Wir schöpfen aus verschiedenen Theorien, (z.B. marxistische, Kritische, feministische, postkoloniale, ökologisch sensible, queere Theorien und kritische Rassismus- und Weißseinsforschung) sowie Theologien (z.B. Theologie nach Auschwitz, Befreiungstheologien, feministische, queere, Dalit und postkoloniale Theologien). Persönliche Studien- und Lebenserfahrungen in Ländern des Südens oder in Europa haben viele dieser Theorien und Theologien zu Inspirationsquellen für uns werden lassen.

Wir möchten uns mit Befreiung suchenden Bewegungen solidarisieren und mit ihnen zusammenarbeiten. Wichtig sind uns die Impulse aus dem Zweiten Vatikanischen Konzil, wie auch der konziliare Prozess (für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung) und das Accra-Bekenntnis des Reformierten Weltbundes. Wir teilen gemeinsame Erfahrungen in politischem Widerstand und Aktionen und unterstützen Proteste wie z.B. gegen Castor-Transporte, Sozialabbau und weltweite kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse.

Struktur

Im Befreiungstheologischen Netzwerk sind Gruppen und Einzelpersonen verknüpft, die sich an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Themen engagieren bzw. neue Gruppen initiieren. Die Gruppen arbeiten selbstbestimmt in unterschiedlichen Formaten; es gibt u.a. Lektürekreise, Themen- und Aktionsgruppen. Das Netzwerk wird getragen durch aktive Partizipation. Wir sehen in Widersprüchlichkeiten und unserer Vielfalt eine Quelle für transformative Aktionen. Wir streben eine offene und hierarchiefreie Organisationsstruktur an. Darin wollen wir verbindliche Zusammenarbeit, öffentlich Stellung nehmen und uns an widerständigen Aktionen beteiligen. Zur Koordinierung dienen uns halbjährliche Treffen und die Kommunikation über verschiedene Medien.

Arbeitsweisen

  • Wir versuchen aktiv und immer wieder aufs Neue Hierarchien abzubauen. Insbesondere bei diesem Punkt halten wir es für wichtig, bei uns selbst zu beginnen. Wir erleben es als Dilemma, verflochten zu sein in patriarchale, koloniale, rassistische und kapitalistische Strukturen und so immer wieder zu Mittäter_innen zu werden. Doch möchten wir uns nicht den Luxus leisten zu resignieren. Mit der Hoffnung, dass auf dem gemeinsamen Weg Befreiendes entstehen kann, versuchen wir in unserer eigenen Praxis der Vision von Herrschaftsfreiheit näher zu kommen.
  • Grundpfeiler unserer Arbeitsweise sind Transparenz und Partizipation. Dazu gehört, dass wir Verantwortlichkeiten klar benennen und Strukturen offen legen. Wir stärken gemeinschaftliches Handeln in selbstbestimmten Gruppen. Unser Vorgehen ist dynamisch und veränderbar, weil wir beim Gehen lernen und auf Probleme und Herausforderungen reagieren möchten. „Se hace el camino al andar.“ („Der Weg entsteht im Gehen“) Unser Wissen und unsere Erfahrungen möchten wir teilen.
  • Gemeinsame Entscheidungen werden nach dem Konsensprinzip getroffen.
  • Einmal im Jahr veranstalten wir eine Sommerschule, die von der kreativen Gestaltung der Teilnehmenden lebt und als Ort der Erarbeitung theologischer Positionen, Reflexion und Organisierung von Aktionen dient.
  • Aus unserer Arbeit entstehen Texte und Stellungnahmen zu aktuellen politischen Themen.
  • Wir stehen mit Menschen und Bewegungen weltweit in Beziehung und versuchen mehrsprachig zu kommunizieren.

Visionen und Ziele

Ich bin gekommen, damit alle Leben und Überfluss haben.
Johannes 10,10

  • Wir verstehen „Reich Gottes“ als die gerechte Welt G*ttes, die unseren Handlungshorizont darstellt.
  • Wir verbinden unsere Spiritualität mit unserer politischen Praxis.
  • Wir verfolgen eine Vision von Herrschaftsfreiheit.
  • Wir sehen das Netzwerk als Ort der Reflexion und Entfaltung.
  • Die Möglichkeit zum Fragmentarischen …
  • Wir bemühen uns um eine kritische Gesellschaftsanalyse und Praxis und verurteilen Menschen-verachtende Strukturen, die wir im Sozialabbau z.B. Hartz-IV-System, in Abschiebungen, in der europäischen Migrations- und Grenzpolitik oder im alltäglichen Sexismus, Klassismus und Rassismus der Mitte der Gesellschaft sehen.
  • Für die Gesellschaftsanalyse wie für die Ausbildung einer widerständigen Praxis benötigen wir Theorien aus den Gesellschaftswissenschaften und die Hilfe von nicht-christlichen sozialen Bewegungen oder von befreienden Erfahrungen aus anderen Religionen. Wir suchen den Austausch und gemeinsame Arbeit mit diesen.
  • Wir unterstützen parteiliche Lesarten der Bibel, die auf Befreiung zielen, z.B. feministische, sozialgeschichtliche Exegese.
  • Theologien, die sich als neutral oder objektiv darstellen, möchten wir in ihrer Positioniertheit entlarven, da sie bestehende Herrschaftsstrukturen verschleiern und damit stützen.
  • Wir thematisieren kritisch Verstrickungen und Schuld der europäischen und deutschen christlichen Tradition (z.B. antijudaistische Theologie, Verquickungen von Missions- und kolonialen Interessen, eurozentrische, provinzielle Ausrichtung einer scheinbar universalen Aufklärungstheologie, Betäubung durch ein Verständnis von Kirche als Rückzugsraum von Ausbeutungsverhältnissen), um zum Verlernen unserer Privilegien im globalen Norden beizutragen.
  • Wir versuchen Befreiungstheologien aus unseren Kontexten heraus zu entwickeln.

Unsere Bitte an dich: mach mit!

Wenn du das Befreiungstheologische Netzwerk kennenlernen möchtest, komm zu unserer Sommerschule bzw. zu den halbjährlichen Treffen oder in die verschiedenen Orts- und Arbeitsgruppen. Auch dort, wo es noch keine Ortsgruppe gibt, kannst du einzelne von uns kennenlernen und vielleicht gemeinsam was auf die Beine stellen.