von Bernhard Offenberger

Allan Boesak ist südafrikanischer reformierter Theologe und Anti-Apartheids-Aktivist. Von 1982 bis 91 war er Präsident des Reformierten Weltbundes. Derzeit lebt er in Kapstadt, wo er am Center for Public Theology arbeitet. Außerdem ist er am Ujama-Center in Kuazulu / Natal als Dozent tätig.

BO: In wiefern sind Sie Aktivist?

Allan Boesak: Ich setze mich für Menschenrechte ein und involviere mich für Gerechtigkeit in Bezug auf soziale, ökonomische, ökologische, Gender- und nicht-heterosexuelle Themen.

Obwohl sich viel verändert hat, z.B. im Bezug auf verfassungsmäßigen Schutz, ist es dennoch notwendig, weiterhin die Rechte zu verteidigen.

Unsere größten Probleme sind Armut und Ungleichheit. Diese Situation muss reflektiert werden und den Menschen in ihren Kämpfen beigestanden werden.

Es gibt zum Beispiel einen andauernden Konflikt in Kapstadt um ein Stück Land an einer wunderschönen Stelle der Stadt. Das Land wurde Investoren versprochen, aber Land- und Obdachlose haben es besetzt. Es kam zu einem Konflikt zwischen der angesiedelten Gemeinschaft und der Stadtverwaltung. Die Kirchen haben sich zu Gunsten der Obdachlosen eingemischt und es wurde überlegt, welche Möglichkeit es für sie gibt, sich anzusiedeln. Meine Rolle in solchen Sachen ist es, mich in die Kämpfe einzubringen und zu hören, wonach mich die Leute bitten.

BO: Welche Vision haben Sie für die Oikotree-Bewegung?

Allan Boesak: Ich hoffe, dass Oikotree wirklich als ein starker Impuls für die ökumenische Bewegung dient zu Gunsten all der Themen (die wir während des Treffens aufkommen sahen). Ich bin sehr besorgt, dass diese Themen derzeit an den Rand gedrängt werden, weniger Geld zur Verfügung gestellt wird.

Ich war lang genug in der (ökumenischen) Bewegung, um die Entwicklungen der letzten 30 bis 40 Jahre zu beobachten. Ich erinnere mich daran, wie stark der Einfluss der Bewegung war, welche Kraft und Solidarität von ihm ausging. Es gab (z.B. für unseren Kampf in Südafrika) Unterstützung von ChristInnen und Kirchen aus aller Welt.

Ich wünsche mir, dass Oikotree ökumenisch ist aber auch einen starken „Interfaith-Link“ hat. So können wir verstehen, was an unseren Glaubenstraditionen es ist, dass uns dabei hilft, uns einzumischen und zu engagieren. Ich glaube, dass wir diese Sachen nicht alleine bewältigen können. Die Welt ist nicht die alleinige Verantwortung von ChristInnen. Daher ist es entscheidend, dass wir einen Raum mit anderen schaffen, an dem wir zusammen kommen können und an einer gemeinsamen Agenda arbeiten können, uns über die Zukunft der Welt austauschen können.

Oikotree soll ein wahrhaftiges, pulsierendes Vehikel sein, um Solidarität zwischen all diesen Gruppen zu ermöglichen. Es soll eine wirkliche Verbindung zwischen lokalen und globalen Kämpfen und auch Organisationen geben.Nur so kann man den Leuten klarmachen, wie verwoben all diese Sachen sind.

BO: Welche Anregung haben Sie für unsere Befreiungstheologie-Gruppe?

Allan Boesak: Die Tatsache, dass ihr bereits existiert und euch für Befreiungstheologie engagiert, ist für mich eine persönliche Ermutigung. In den ganzen Debatten in den letzten Jahrzehnten hat eine engagierte Stimme aus Europa gefehlt.

Aus Europa gab es einerseits sehr kritische und ängstliche Reaktionen (weil wir all ihre Prinzipien auf den Kopf gestellt haben). Andererseits gab es fortschrittlichere Reaktionen, die sog. „Europäische politische Theologie“. Aber sehr wenige haben verstanden, dass Befreiungstheologie eine Theologie für den Kontext sein muss, in dem man lebt. Ihr müsst euch (in Europa) klar machen, dass die Situation, die ihr geschaffen habt, Tod bringt. Es reicht nicht aus, solidarisch mit der Dritten Welt zu sein, sondern ihr müsst verstehen, was es bedeutet, ein Teil von Europa zu sein, und welche Auswirkungen das auf den Rest der Welt hat.

Es ist keine wirkliche Befreiungstheologie, wenn sie nicht zu Aktion inspiriert.

Daher sollte auf eurem Plan nicht stehen, was das Evangelium für die Armen bedeutet, sondern was es für die Wohlhabenden bedeutet. Das Problem, das wir haben, ist nicht nur Armut, sondern auch Wohlstand!

Ohne Zweifel gibt es viele Konvergenzpunkte zwischen Norden und Süden. Aber ein richtiger Dialog kann nur beginnen, wenn man im eigenen Kontext verwurzelt ist. Ihr müsst daher die unbequemen Fragen in eurer Umgebung stellen!

Außerdem hoffe ich, dass ihr ökumenisch arbeitet. Als EATWOT (Vereinigung der Dritte-Welt-TheologInnen) in den 70er Jahren startete, hatte ich die Möglichkeit katholische Kollegen zu hören, Leute aus ganz unterschiedlichen Traditionen. Das half mir zu verstehen, was genuine Ökumenizität bedeutet.

Und vor allem hoffe ich, dass ihr früher als wir es taten den Reichtum von Befreiungstheologie in anderen Glaubensrichtungen entdeckt. Als ich 1977 das erste Mal unter Apartheid-Gesetzen bei einer Demonstration inhaftiert wurde, kam ich in eine Zelle mit Imam Hasan Salomon, Farid Esack und einer jungen jüdischen Frau. Ich trug bei der Demo meine Amtstracht und hatte die Bibel unter meinem Arm, Hasan Salomon trug seine Tracht und hatte den Koran unterm Arm.

Was nun im Gefängnis passierte war, dass wir begannen zu reden und zu verstehen, aus welchen Gründen wir da waren: ich war wegen meines Glaubens an Jesus Christus da, die anderen aufgrund ihres Glaubens. Wir lasen Texte zusammen und

Als wir hungrig wurden und uns von den Gefängnisaufsehern nichts gebracht wurde – nur Hasan hatte daran gedacht, sich etwas zu essen einzustecken und holte sein Sandwich hervor, die jüdische Frau hatte noch einen Schokoriegel in der Tasche – teilten wir das Sandwich und den Schokoriegel. Farid fragte dann: Warum betest du nicht? Also betete ich, der Imam betete – es war wie ein Abendmahl!

Ich fühle mich sehr privilegiert für dieses Erlebnis. Es hat mich Verständnis und Offenheit dafür gelehrt, wie die Überzeugungen anderer Menschen der Sache Gottes dienen können, ich möchte sogar sagen, der Sache Jesu. Hoffentlich dauert es bei euch nicht so lange, das zu verstehen! Verschiedene Glaubensüberzeugungen müssen nicht im Wettbewert miteinander stehen sondern können eine Bereicherung in eurem Leben werden.

Ich habe oft sehr viel Engagement bei Menschen anderer Religionen gefunden und sehe das auch als Gegengift geben christliche Arroganz. Das ist besonders auch für euch wichtig, weil der neue christliche Konservatismus neue Arroganz und imperiale Ansprüche hervorbringt, die stärker sind als vor 30 Jahren. Die Religion, die viele junge Menschen annehmen, ist eine Form von rechtem Fundamentalismus, der kein Verständnis für soziale Belange zeigt und ein Wohlstandsevangelium gepredigt wird. Viele Leute sagen: „Ich will in eine Kirche gehen, in der ich mich nicht schuldig fühle.“ Der Rest ist Ästhetik, man wird betäubt für die Realität.

Eure Generation, mit einer neuen Befreiungstheologie und einer neuen Sprache, ist daher essentiell wichtig!

BO: Gibt es einen besonderen Vers, der Sie inspiriert?

Allan Boesak: Ein Satz, der mich begleitet, ist der Vers aus Jesaja 43:
Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Dieser Vers hat mir auf zwei Weisen geholfen:
Zum einen, wenn man einen großen Demonstrationszug leitet und weiß, dass es Repression geben wird, dass möglicherweise Menschen von der Polizei getötet werden. Dann ist es wichtig zu sagen, dass es in Ordnung ist wütend zu sein. Um diese Wut zu kanalisieren ist es gut zu wissen, dass nicht alles in meiner Hand liegt. Dafür ist der Vers eine wunderbare Zusage.

Zum anderen ist der Text ein starker Trost, wenn man im Gefängnis sitzt. Um das alles durchzustehen – glücklicherweise wurde ich aufgrund meiner Position nie gefoltert – ist der Vers eine große Hilfe.

Das Interview wurde von mir während der Tagung der Oikotree-Bewegung, die vom 1.-4. November in Arnoldshain stattfand, geführt. Es ist rekonstruiert aus meinen Notizen, trifft also nicht immer genau den Wortlaut.

Bernhard Offenberger