Das Wendland als Ort theologischer Einsichten

von Simon Tielesch unter Mitarbeit von Manuel Kunze

Lagerfeuer im Gleisbett, zusammenrücken gegen die Kälte der Nacht und Wolldecken, die solidarisch weitergereicht werden. Keiner kocht sein eigenes Süppchen, stattdessen versorgen AnwohnerInnen und unzählige Freiwillige in Volxküchen die Demonstrierenden rund um die Uhr. Doch die Idylle trügt: Stunden vorher standen sich hier schwer bewaffnete PolizistInnen und wild entschlossene Demonstrierende in einem gigantischen Räuber- und Gendarmspiel gegenüber. Polizeiknüppel, Pfefferspray und Reizgas wurden eingesetzt und PolizistInnen mussten bis zum Rand ihrer Erschöpfung Dienst tun.

Mittendrin ist auch Amos. Amos ist ein biblischer Prophet und der Name unserer Bezugsgruppe. In solche Bezugsgruppen haben sich die Demonstrierenden jeweils zu sechst aufgeteilt, um die unterschiedlichen Widerstandsaktionen besser koordinieren zu können und um sicherzustellen, dass niemand allein in eine brenzlige Situation gerät. Wir haben beschlossenen, als christliche Gruppe am Widerstand gegen den Castor, an Gleisblockaden und am Schottern teilzunehmen und diese Art des zivilen Ungehorsams fortwährend theologisch zu durchdenken.
Wir stellen uns aus denselben Gründen quer, widersetzen uns und schottern, wie die vielen tausend anderen Teilnehmer an der „5. Jahreszeit im Wendland“ auch: Weil wir gegen ein Comeback der unsicheren und für die allermeisten unwirtschaftlichen Atomkraft und für den Ausbau erneuerbarer Energien sind. Weil die Art und Weise, wie über die Laufzeitverlängerungen entschieden wurde, nicht demokratisch war. Weil wir unseren Kindern keinen tödlichen Atommüll hinterlassen wollen und es schon heute für unverantwortlich halten, dass für unsere Energieerzeugung Menschen in sogenannten Entwicklungsländern ihre Gesundheit bis zum Tod aufs Spiel setzen.
Zu all diesen Argumenten tritt noch ein weiteres hinzu: Wir denken, dass sich unser christlicher Glaube am überzeugendsten auch mit solchen Demonstrationen und Akten des zivilen Ungehorsams ausdrücken lässt.

Warum Amos?
Der Name Amos steht in der biblischen Tradition für das Beharren auf Gerechtigkeit auch gegen einen übermächtig scheinenden Zeitgeist. Und vielleicht auch für eine gewisse Unangepasstheit und Frechheit. Es war Amos, der den Frauen Jerusalems zurief, dass sie „fetten Kühen“ vergleichbar seien und ein Leben über ihren Bedürfnissen führen. Dass nicht nur sie, sondern die ganze Oberschicht von Samaria die Armen ausbeuten und ungeachtet ihres Leidens in Saus und Braus leben. Doch der Gott Israels als ein Anwalt der Armen lässt sich das nicht länger bieten und sucht sich Amos als sein Sprachrohr aus. Ausgerechnet Amos, den Viehhirten und Maulbeerbaumfeigenritzer, weil Gott auf die etablierten Autoritäten an Tempeln und in den Prophetenschulen nicht mehr setzen kann. Zu korrumpiert sind diese inzwischen geworden und das „Geplärr ihrer Lieder“ mag Gottes Herz nicht länger erfreuen.
Im Wendland sind es die Apfel- und Milchbauern, die mit ihren Trekkerblockaden und einem enormen Engagement den Widerstand gegen Atomkraft mittragen und ermöglichen. Nicht die Kirchen sind die Zentren des Aufstands, sondern die Scheunen und Äcker werden zu Orten konspirativer Versammlungen und befreiender Erlebnisse. Am wärmenden Feuer einer Tonne wird über unseren Lebensstil und besonders unseren Energieverbrauch diskutiert. Darüber, dass die Armen in den Ländern des Südens dafür sorgen, dass bei uns die Lichter nicht ausgehen. Darüber, dass die Abfälle, die bei uns als radioaktiver Sondermüll deklariert sind, in Namibia oder Indien als Baumaterial genutzt werden.
Im flackernden Licht der Feuertonne ist ein Truck zu sehen mit der Aufschrift: „Kein Gott, kein Staat, kein Vaterland“. Wenn der Gott gemeint ist, der diese Art der Ungerechtigkeit billigt und den ‘status quo’ des Systems erhält, dann kann ‘Amos’ nur zustimmen.

Die Bibel als Dokument des Widerstands?
Nicht nur das Buch Amos, auch weitere Bücher der Bibel lassen sich als Dokumente des Widerstands lesen. Eine der wichtigsten Geschichten im Alten Testament ist die Schilderung vom Exodus des Volkes Israel aus der ägyptischen Sklaverei. Seit diese Texte überliefert werden, inspirieren sie Menschen dazu, sich auf den Weg zu machen und ihre Ketten abzuschütteln. Zu einiger Berühmtheit gelangte diese Art, die Bibel zu lesen unter dem Namen Befreiungstheologie seit den 70er Jahren vorwiegend in Lateinamerika. Ihr Ausgangspunkt ist nicht die theoretische Reflexion, sondern ein Sich-berühren-lassen, der Moment ethischer Entrüstung. Auch in Asien, Afrika und Europa sind Befreiungstheologien entstanden, die ernst machen mit der Anwaltschaft Gottes für die Armen. Denn Gott ist nicht nur Liebe, sondern auch Gerechtigkeit.
Doch damals wie heute stehen die prophetischen RuferInnen in der Wüste recht einsam da und fühlen sich in den Kirchen und Gemeinden oftmals isoliert. Die große Zeit der Befreiungstheologie scheint vorbei und wenn sie noch wahrgenommen wird, dann bestenfalls als ein Stück Zeitgeschichte und Südamerikafolklore. Dabei verlangen die Zeichen der Zeit doch gerade heute mehr denn je nach einer Renaissance einer Befreiungstheologie. Der Bezug zu Amos kommt nicht von ungefähr: Das Buch Amos entstand in einer Zeit wachsenden wirtschaftlichen Wohlstands und zunehmender Handelsbeziehungen des biblischen Nordreichs Israel. Zugleich verarmte ein großer Teil der Bevölkerung. Amos’ prophetische Kritik ist eine Reaktion auf das Auseinanderdriften der Gesellschaft und die zunehmende Ellenbogenmentalität derer, die sich selbst als „Leistungsträger der Gesellschaft“ verstehen.

Das Wendland und das Reich Gottes

Die 70er Jahre sind unwiederbringlich vorbei. Wenn wir heute wieder von Befreiungstheologie sprechen wollen, dann gilt es auch, alte Fehler zu vermeiden und bei lokalen Problemen anzufangen. Auch in unseren Kontexten ist eine emanzipatorische und sich einmischende Theologie vonnöten. Der Ort, von dem aus Theologie, als die Rede von Gott, gedacht werden soll, ist für uns weder der heimische Schreibtisch, noch der Urwald Patagoniens, sondern beispielsweise der Widerstand im Wendland. Hier in den Auseinandersetzungen an den Gleisen, in Gesprächen während der Sitzblockade oder beim Stullen schmieren für den Widerstand entsteht der Raum für Gotteserfahrungen. Hier lässt sich dem biblischen Gott nachspüren, der sich auf die Seite der Unterdrückten stellt und für sie Partei ergreift. Der in Jesus Christus einer dieser Unterdrückten der Erde geworden ist und dessen Geschichten uns auch heute noch in ihren Bann ziehen und verstören können.
So verschieden die DemonstrantInnen auch sind: es eint sie die Hoffnung, den Castor zu stoppen. Wie weit diese Hoffnung dann reicht, ob es um ein symbolisches Zeichen, oder einen sofortigen Stopp der Atomkraft geht- da scheiden sich die Geister. Für die Bezugsgruppe Amos trägt diese schwer zu greifende Hoffnung den Namen „Reich Gottes“. Das Reich Gottes ist das, wovon Jesus unablässig spricht und dessen Nähe verkündigend er durch die Lande zog. Dieses „Reich Gottes“ ist nichts, was mit dem Jenseits zu tun hat. Sondern es motiviert dazu, aktiv einzutreten für die Bewahrung der Schöpfung und den Kampf um weltweite Gerechtigkeit. Für Momente konnte man im Wendland schon Umrisse erkennen. Zum Beispiel als die Blockierenden nach einer kalten Nacht auf den Gleisen und in Polizeigewahrsam morgens um acht schon tanzten, als wären sie nie weggetragen worden. Oder als PolizistInnen sich mit den DemonstrantInnen solidarisch zeigten und sich ebenfalls Anti-Atom-Kraft-Sticker an den Helm hefteten.
In anderen Momenten schien das Reich Gottes dagegen weiter weg als je zuvor. Als eine wehrlose junge Frau von Polizisten verprügelt wird, Pfefferspray in den Augen brennt oder eine gewaltfreie Widerstandsaktion missbraucht wird, um Feuerwerkskörper auf PolizistInnen zu schmeissen.
Der Widerstand im Wendland steht nur beispielhaft für einen Ort, von dem aus Theologie betrieben und neu gedacht wird. Die Arbeit mit Flüchtlingen, die um ihr Menschenrecht auf Asyl kämpfen kann ein anderer sein, genauso wie der Kampf gegen den Klimawandel oder die Frage nach Arbeitslosigkeit und der Teilhabe aller an unserer Gesellschaft. Stets zeigt sich bei diesen Fragen im Kleinen ein Stück des großen Ganzen und gibt es Reich-Gottes-Momente und Stunden der Gottesferne und Verzweiflung.

Interreligiöser Aspekt

Vielleicht kann gerade an solchen Orten des Widerstands ein interreligiöser Dialog stattfinden, der weiter reicht und tiefer trägt als alle kopflastigen Gesprächsrunden. Zum Beispiel ob denn nun Allah und der christliche Gott identisch sind oder nicht.
Von einem solchen gelungenen Dialog zehren die südafrikanischen Theologen Farid Esack und Alan Boesak noch heute. Beide, der eine als Muslim, der andere als Christ, kämpften sie in ihren Glaubensgemeinschaften lange gegen die Apartheid, schließlich landeten sie einmal zusammen im Gefängnis. Farid Esack, der muslimische Gelehrte und Hochschullehrer hat nicht nur erfolgreich gegen die Apartheid angekämpft, sondern widmet sich heute dem Jihad gegen AIDS. Jihad in seinem ursprünglichen Sinn verstanden als Glaubensanstrengung – gemeinsam mit Christinnen und Christen.
Mahatma Gandhi hat für seinen zivilen Ungehorsam das Wort satyagraha geprägt, das heisst „Festhalten an der Wahrheit“ und hat eine starke spirituelle Bedeutung. Oder um es mit einem der Gesänge der Blockierenden im Wendland auszudrücken: „We shall overcome“. Unsere Hoffnung ist, dass sich diese Stimmen vereinen mögen und wir sind schon gespannt, wer alles dazukommen wird, wenn es wieder heisst:
Amos sammeln!